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Hinter den Kulissen des Bühnenhumors

Oft beneide ich den Zuschauer ja nicht. Ganz besonders beneide ich den Zuschauer nicht, weil ich weiß, dass er die wirklich hörenswerten Dinge einer Comedymixshow nicht zu hören kriegt. Ich meine Klatsch, Tratsch und Branchengeheimnisse, die fünf ausgewachsene Altcomedians Backstage im Quatsch Comedy Club von sich geben. Zwei Westfalen, ein Ösi, ein Ossi und ein Kölner. Fünf reife Herren, jeder für sich zu alt für Nigthwash, aber noch gerade gut genug für den Quatsch Comedy Club, das Gut Aiderbichl für Comedians, den Gnadenhof für Humoristen. Herrlich zu sehen, welche hasserfüllten Stories über diesen einen branchenbekannten Zeitgeist-Comedian aus jedem einzelnen rausbrechen. Es sind schadenfrohe Schilderungen dabei, die von Buh-Rufen im Publikum handeln, während der allseits überschätzte Heiopei auf der Bühne stand. Hochunterhaltsam auch die bunt ausgeschmückten Augenzeugenberichte über Zornattacken langjähriger Bühnenprofis, die an die Decke gehen wie ein Schnellkochtopf, weil sie ein kleiner YouTube-Kasper mit dem Ego eines Mon Cherie-süchtigen Gebrauchtwagenverkäufers direkt im Bühnenaufgang darüber aufklären will, was auf der Bühne funktioniert und was nicht. Erwähnen möchte ich auch kurz die ausführlichen Augenzeugenberichte über handfesten Garderobenkrach bezüglich vermeintlich politischer Einstellungen „von euch alten AfD-Kabarettisten“, die so spannend sind, dass Popcorn gereicht wird. Nicht vergessen möchte ich auch die süße Attitüde einer viel zu schnell nach oben gespülten Witzeverhasplerin aus dem Privatfernsehen, die auf der Bühne großzügig ihr Zeitlimit neu auslegt, weil sie dank der ihr verliehenen Massenmediumsallmacht meint, das Publikum sei selbstverständlich ausschließlich wegen ihr da. Fröhlich lockeres von Herzen ablästern, mit der Gelassenheit abgebrühter Zirkuspferde, die alles, wirklich alles schon gesehen haben. Die auch schon diverse Male von Shootingstars überholt wurden, nur um etwas später ganz entspannt wieder an den Opfern des Haifischbeckens Deutsche Comedy vorbeizuziehen. Das alles findet hinter der Bühne statt. Aber nicht immer. Man muss schon Glück haben und live dabei sein. Denn meistens passiert ja backstage gar nichts. Außer dem Öffnen einer Wasserflasche (still) hört man auch kein Geräusch. Aber wenn es der Spielleitung durch ein wirklich außerordentlich glückliches Händchen bei der Künstlerauswahl gelang, einen Kabarettisten mit dem Charme einer lodernden Fackel und einen Comedian mit den Eigenschaften eines übervollen Benzinfasses zusammen in die Show zu buchen, wird es grandios. Nicht für den Zuschauer. Sondern für die anderen Auftretenden, die in den Katakomben des Friedrichstadtpalastes den besten Teil der Show sehen dürfen und dafür sogar noch Gage bekommen. Alles live. Keine Kamera läuft. Lediglich die Dabeigewesenen können der Nachwelt berichten, was vorfiel. Herrlich. Der Masse im Saal bleibt der Zickenkrieg im Hinterzimmer des Humorbergwerkes leider leider verborgen. Und darum beneide ich die Zuschauer nicht. Am allerbesten ist jetzt natürlich, dass ich hier leider leider keine Namen nennen darf. Haha!
Aber das allerschönste ist die Tatsache, endlich mal wieder auf Bühnenkollegen zu treffen, die noch wissen, wie man sich miteinander unterhält. Die sich nicht ausschließlich dem Smartphonegestützten Tuning ihrer Followerzahl widmen. Weil ihnen die Show und die Kollegen und das ganze drum herum kackegal sind. Dabei wird die sogenannte Followerzahl von Facebook selber manipuliert, dass weiß ich. Steht alles im Illuminaten-Newsletter, den ich abonniert habe. Ich zum Beispiel habe nicht mehr als 23 Follower, aber Facebook macht mir weiß, ich hätte mehr. Mir ist das aber ganz egal. Und den gerade mit mir auftretenden alten Säcken auch. Keiner von denen hat ohne Unterlass seinen „digitalen Diktator“ (Harald Lesch) in der Pfote.
Der Grund dafür ist vielleicht aber auch einfach, dass im Backstage des Quatsch Comedy Clubs zu Berlin der Handyempfang sauschlecht ist. Und das WLAN keinen Deut besser.
Und das ist auch gut so.
Mal abgesehen von meinem Branchengesabbel lohnt sich der Besuch im Quatsch Comedy Club Berlin diese Woche (noch bis Sonntag) ganz besonders, denn die Kollegen sind sehr witzig. Witziger als sonst. Als die anderen sonst. Ehrlich! Darum war‘s gestern auch nahezu ausverkauft. Am Donnerstag. Es gibt noch Wunder!

P.S: Das Foto zeigt mich mit der Tapetenpamela an der Wand meiner Garderobe. Ich versuche so zu gucken wie Donald Trump, wenn er gleich vom Teleprompter abliest, wenn er fotografiert wird, wenn er gerade mal wieder sauer auf die Russen, das FBI und Hillary ist, wenn Melania seine Hand wegschlägt und eigentlich immer.

Bald schon ist Urlaubszeit

Es ist Montag. Dies nur zur Info an jene, die diese  Zeilen am Mittwoch lesen. Zur Abwechslung hat heute mal nicht der Spiegel Hitler auf dem Titel, sondern die BILD. Nazis tummeln sich am Ballermann, schlagzeilt das Massenblatt. Wer es nicht weiß: der Ballermann ist ein Beklopptengehege mit Beklopptenmusik und Beklopptengehabe und bekloppten Straßennamen auf der Insel Mallorca, weit vor den Toren der Hauptstadt Palma. Der Ballermann zieht laute und lästige Menschenmassen an wie Gammelfleisch die Billiggourmets. Vor einigen Jahren habe ich drei Monate auf „Malorza“ gelebt und gearbeitet, und mich in dieser Zeit nicht einmal an den Ballermann verirrt. Weil da nun mal meiner Meinung nach besonders viele laute unangenehme Betrunkene herumtollen. Und nun also auch ganz wertvolle Herrenmenschen. Die ihr Tausendjährigsein offen und ungestört mit Herrentittentattoos feiern. Und dabei braun werden. Und sie tragen T-Shirts, auf dem das einschlägige indische Sonnenwendesymbol prankt. Ein Label, dessen Ursprung so Urdeutsch ist wie Spargel, Tomate und Sushi. Nazialarm auf einer spanischen Insel. Schon komisch. Da wird jahrelang gefordert „Nazis raus“ – und kaum sind sie draußen, ist es auch wieder nicht richtig. Verdammt verrückt, diese Welt. Während im Land der Bundestagswahlkampf tobt – kleiner Witz – und sich alle wie doll auf vier weitere Jahre Merkel freuen – noch ein kleiner Witz – trotzdem es so viele Alternativen gibt – schon wieder ein Witz – ziehe ich kurz Bilanz. Die Frau gegenüber im ICE heißt Bea. Das weiß ich, weil sie gerade den Hotspot ihres iPhones aktiviert hat, dessen Name mein Laptop mir verriet. Mit dem ich ins Netz ging, um nur mal aus Interesse die Preise für Eigentumswohnungen in Bünde zu checken. Die überraschend hoch sind, trotzdem ich mich beim Gang durch die Bünder Innenstadt ziemlich erschreckt habe. Das sage ich, trotzdem ich neulich in Gera und Plauen war. Inmitten von Bünde: Leerstand, Leerstand, Leerstand. Nebenan in Porta Westfalica sieht es nicht besser aus, zumindest bezogen auf zwei dortige Hotels (ein schönes Foto hab ich beigefügt). „Für Depressionen gibt es Gründe. Und Bünde.“ Ein Spruch, mit dem ich mir auf der Bühne in Bünde viele Freunde gemacht habe. Mal sehen, ob einer von denen bei meinem Sologastspiel am 6. Oktober wiederkommt. Vielleicht hat man mir meine kleine Nettigkeit bis dahin aber verziehen. Nun ist es so:

Auch der Humorfacharbeiter braucht mal Urlaub. Im Juli und August nehme ich mir Zeit, die anstehende Mückenplage voll auszukosten. Bei Müßiggang und Bespaßung der selbstgemachten Kinder wird der ein oder andere Gedankenhonig geimkert. Daraus backe ich dann schöne neue Inhalte für das im Jahr 2018  kommende Bühnenprogramm. Ab Herbst 2017 kann man in den letzten Aufführungen des preisgekrönten Programms „Mach doch’n Foto davon“ sicherlich in neue Nummern reinhören. Wer ganz genau aufpasst, bekommt den schleichenden Übergang vom alten Programm ins neue Programm präzise mit und kann ihn nachsprechen. Kann sein, dass ich am 13. August beim Open Flair (Yeah!) in Eschwege auch schon neue Highlights austeste. Und im November bereits bin ich auch mal wieder im Fernsehen: Die Anstalt und Kanzleramt Pforte D haben angefragt. Mich! Vermutlich, weil Torsten Sträter gerade mal keine Zeit hat. Und nun lasse ich den ICE-Piloten (Gott) einen guten Mann sein, recke und strecke mich und döse den Pre-Sommerpausegigs in Berlin, Esslingen und Düsseldorf entgegen.

Tschö mit Öh!

Fernsehen aus der Zeitmaschine

Thomas Gottschalk hat eine, nun ja, neue Show auf RTL. Sie heißt „Mensch Gottschalk“, kam (zum zweiten Mal nach der ersten Ausgabe im letzten Jahr) am Sonntag, dem 28. Mai um 20.15 Uhr und dauerte drei Stunden. Eine Woche zuvor sendete RTL auf diesem Sendeplatz eine Show mit Thomas Gottschalk. Nicht lange davor lief auf Sat.1 am Sonntag eine Show mit Thomas Gottschalk. Drei Ausgaben lang. Die drei verschiedenen Formate auf zwei verschiedenen Sendern am hinterletzten Tag der Woche hatten unterschiedliche Inhalte. Nämlich Thomas Gottschalk und kleine Kinder, Thomas Gottschalk und Günther Jauch feat. Barbara Schöneberger und Thomas Gottschalk mit irgendwelchen Prominenten und Helene Fischer. Alle drei Formate hatten eins gemeinsam: eine ziemlich miserable Einschaltquote – gemessen an der Strahlkraft, die der Moderator und TV-Mittelpunkt einst besaß. Richtig: besaß. Doch nun ist diese Strahlkraft stark gedimmt. In den späten 80ern und den frühen 90ern bis hin zum zweiten Drittel des Techno-Pleistozäns war ich Gottschalk-Fan. Ich guckte Wetten Dass – aber nur als VHS-Aufzeichnung bei einem Freund mit Recorder, damit ich bei den doofen Wetten und den meisten Musikgästen immer vorspulen konnte. Ich wollte lediglich sehen, welche Sprüche Gottschalk wieder raushaut. Mit welcher Rotzigkeit er Leinwandgötter aus Hollywood anmacht oder Sportler oder Politiker oder Sänger oder sonstige Clowns, die auf dem Sofa irgendeiner Mehrzweckhalle irgendeiner mittelgroßen Stadt Volksnähe probten und Lockerheit simulierten, in der zwei Tage nach der Fernsehshow wieder eine Kaninchenmesse stattfinden würde. Gottschalks Plappermaul lockte mich auch vor die Glotze, als er eine wöchentliche Show auf RTL bekam, sie wurde Anfang der 90er auf RTL gesendet. Weil wohl die Quoten mangels Sendervielfalt damals akzeptabel schienen, machte RTL, der damals erfolgreichste Privatsender Nachwendedeutschlands, aus dieser wöchentlichen Sendung eine tägliche: „Gottschalk Late Night“. Die guckte ich dann nicht mehr, weil ich wochentags beruflich früh raus musste (halb sechs!). Wegen seines Wechsels zu RTL nahm das ZDF Gottschalk die Moderation von Wetten Dass weg. Damals existierte noch eine innerdeutsche Grenze zwischen öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Privatfernsehen. Man wusste, welcher Star (Kai Pflaume) wo moderierte (Sat.1) und welcher Sender welche Inhalte sendete. Man wusste, wo der Quatsch lief und wo der Anspruch einlud. Das ist lange her. Heute kann man beispielsweise das Erste nur noch am Logo oben in der Bildschirmecke erkennen, aber nicht mehr an den Moderatoren (Kai Pflaume). Plötzlich geschah etwas Unerhörtes: Gottschalk kehrte zum ZDF zurück und blieb gleichzeitig bei RTL. Es kam damals einer Revolution gleich, einem Sturz der Monarchie, dass Gottschalk trotz seiner Late-Show auf RTL zum ZDF zurückkehrte. Der große Dampfer Wetten Dass war von einem inkompetenten Kapitän aus den fünf neuen Bundesländern gefährlich nahe an eine Sandbank manövriert worden. Kurz vorm Kentern tauschte man den Hänfling aus der Zone gegen einen weltläufigen Kapitän mit internationaler Hochseeerfahrung aus, der sich auf der Brücke sehr gut auskannte: Thomas Gottschalk. Der Mann war im goldenen Zeitalter des Privatfernsehens bei RTL zum Superstar gereift, er hatte mittlerweile absolute Narrenfreiheit. Er konnte also im ZDF Wetten Dass moderieren und direkt danach auf RTL (meistens als Aufzeichnung) seine Late-Night. Zeitgleich machte er auf Sat.1 Reklame für Gummibärchen. Seine Late-Night kam damals sogar Samstags. Ich erinnere mich daran, dass einmal beide Sendungen, also Wetten Dass und später die Late Night, live liefen. Und weil das noch nicht dreist genug war, machte Gottschalk sogar in der betreffenden Wetten Dass-Ausgabe Werbung dafür, nach dem Abspann umzuschalten und ihm auf RTL bei seiner anderen Sendung – wie gesagt ebenfalls live (ich glaube aus irgendeinem Mehrzweckpuff in Mannheim) – zuzuschauen. Sogar zwei Gäste aus Wetten Dass nahm er mit: Harald Juhnke und Lothar Matthäus. Jawoll, solcher unnützer Gedankenschrott liegt tief im Speicherplatz meines Hirns verborgen. Andere mögen sich an bestimmte Floskeln in Neujahrsansprachen oder Absätze in damals verabschiedeten Gesetzen erinnern, oder an Wahlergebnisse der Grünen – meine Welt waren Fernsehsendungen. Also bestimmte Fernsehsendungen. Also die mit Gottschalk. Er war ein Vorbild für mich. Ich wollte sein wie er. Darum kann ich es auch tolerieren, obgleich ich es nicht verstehe, wenn junge Leute heute sein wollen wie Mario Barth. Sie wollen das, weil sie mit ihm aufgewachsen sind und weil sie nichts anderes kennen. Aber zurück zum blonden Riesen. Das, was jetzt gerade auf RTL und kurz zuvor auf Sat.1 mit ihm geschah, ist bedauernswert, aber lässt sich nicht ändern. Gerade „Mensch Gottschalk“, wo ich zweimal reinzappte, zeigte mir, dass der Showzug auf freier Strecke stehengeblieben ist und nicht weiterfährt. Der einstmalige Strahlemann Gottschalk ist unglaubliche 67 Jahre alt. Seine Zeit waren die 60er, die 70er und 80er. Sowas hat jeder, bei mir sind es die 80er und 90er, deren Musik aus meiner Anlage blubbert und deren CDs (selbst gekauft, brennen gab‘s noch nicht) in meinem Regal stehen. Bei mir ist das musikalische Befinden allerdings Privatsache, ich störe damit niemanden. Außer vielleicht meine Frau. Bei Gottschalk ist es aber wie mit einem alten James Bond, wenn der plötzlich zur Primetime auf Pro Sieben liefe. Man sähe sofort, dass das vorn und hinten nicht stimmt, dass es nicht passt, dass es ruckelt, knistert und zwickt. Und knirscht. Und pappig und muffig schmeckt. Weil die Zeiten sich geändert haben. Man sieht es an der Attitüde, an den Frisuren, an den Getränken und an der Frequenz der Flachlegoptionen, die der Superagent damals hatte. Bei Gottschalk hört man es an den Formulierungen, die er verwendet. Und an den Verhedderungen. Etwa, wenn er versucht, aus einer Gesprächssimulation mit Carolin Kebekus über Gleichberechtigung (nicht sein Thema) die Brücke zu schlagen zur Band Aerosmith, deren zwei faltig-agile Chefs live auf einen Plausch im Studio vorbeikamen. Ganz am Ende dieses Auftritts führte Gottschalk dann auch auch dem letzten Zuschauer die Antiquiertheit des Konzepts seiner RTL-Show vor Augen. Kurz vor der Verabschiedung zeigte er den beiden darüber offensichtlich länger nachgrübelnden Bossen von Aerosmith auf der Leinwand hinter dem Sofa ein Standbild aus den Simpsons. Mit Aerosmith als Gästen. Jeder kennt die Simpsons. Also wirklich jeder. Außer vielleicht meine Mutter. Und jeder, der sie kennt, weiß, dass so ziemlich jedes Popkulturphänomen schon in den Simpsons behandelt wurde. Dazu zählen Schauspieler (die von sich selbst vertont werden), Lego-Steine (es gab mal eine komplette Folge aus Lego) und selbstverständlich auch Sänger oder Bands. Ich glaube, es gibt keine Band, die noch nicht in den Simpsons auftauchte. Ich glaube, alles was stattfindet, taucht in den Simpsons auf. Wer nicht in den Simpsons auftaucht, den gibt es schlicht nicht. Gottschalk trompetete trotz dieser Gewissheit den vollkommenen Blödsatz raus: „Wer in den Simpsons landet, der hat es geschafft.“ Und das war absoluter Quatsch. Stand aber leider sinnbildlich für die ganze Sendung und für alle anderen traurigen Versuche, mit dem einstigen Phänomen Gottschalk weiterhin Quote machen zu wollen. Der Mann ist fit und er twittert jetzt auch ganz lustig, aber er ist in seiner Zeit stehen geblieben. Er ist ein bewundernswerter Plauderer und  Stimmungsaufheller. Aber auch er ist, wie einfach alles heute, nur noch Nische. Kein Massenphänomen mehr. Das muss man akzeptieren. Seine große Zeit ist vorbei und wird nie wieder zurückkommen und sie ist vor allem im Fernsehen abgelaufen. Wo Gottschalk Sonntags versucht, die Zuschauer einzufangen, die – wie ich – zwischen dem Polizeiruf im Ersten und „Designated Survivor“ auf Netflix kurz mal nachschauen, was er da gerade treibt. Und nicht entsetzt, aber ein weiteres Mal ernüchtert feststellen: Das gleiche wie früher. Auf die gleiche Art und Weise wie immer. Nur eben heute, 30 Jahre später. Er kann nicht anders. Und das ist auch verständlich Nur funktioniert das leider ebenso schlecht wie das Einlegen einer CD in ein iPad. Was aber vermutlich niemanden davon abhalten wird, es weiter mit ihm zu versuchen. Es gibt ja noch viele andere Sender, die Sendezeit füllen müssen. Und es gibt viele andere Showstars, die Lebenszeit füllen müssen. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Einen langen, müden, schwachbrüstigen Tod.

Wo schlafen die eigentlich alle?

Wo schlafen die eigentlich alle? Diese Menschen, die zum Junggesellenabschied nach Düsseldorf reisen? Die Nordrhein-westfälische Landeshauptstadt ist ja seit Menschengedenken weit über ihre Grenzen bekannt dafür, an jedem verdammten Wochenende Junggesellenabschiede durch ihre Altstadt ziehen zu lassen. Doch nochmal die Frage: diese Menschen, die das letzte Mal ihren Anstand als Unverheiratete öffentlich und ausgiebig so in Frage stellen, als wären sie die Ersten und Einzigen auf diesem Planeten, die sowas tun – wo schlafen die alle? Wo übernachten die? Schließlich wohnen die nicht in Düsseldorf. Wenn sie in Düsseldorf wohnen würden, würden sie in Düsseldorf keinen Junggesellenabschied feiern. Weil sie wüssten, wie bekloppt das ist. Wo übernachten sie also? Antwort: in meinem Düsseldorfer Hotel. Dem nh-Hotel. Punkt 12 Uhr am Mittag checken sie ein. Mehr weibliche als männliche Gruppen. In Frauschaftstrikots gekleidet, wie eine Fußballmannschaft, damit ja niemandem verborgen bleibt, was sie zelebrieren müssen. Sie müssen, weil irgendwo geschrieben steht, dass das so sein muss. Dass man sich nochmal ordentlich die Kante gibt vor der Trauung. Niemand weiß, wo das gesetzlich verankert ist, aber man ist sich sicher, dass! Der Teufel taucht schließlich in der Bibel auch nicht wörtlich auf, aber jeder weiß: es gibt ihn. Die Braut lässt sich sofort ausmachen. Es ist entweder die betrunkenste von allen oder die mit der größten Angst in den Augen. Oder beides. Die Ärmste ahnt, was sie erwartet. Weil jetzt genau die in ihrem Gefolge sind, die sich sonst nie melden, nie anrufen, und nie „Gefällt mir“ unter ihre Postings auf Facebook setzen, aber nun überraschend freundlich und vollkommen aufgekratzt sind. Aufgekratzt von den drei Haubitzen lauwarmer Mumm, die sie schon intus haben. Aufgekratzt von der Aussicht, Zeugen einer grandiosen Blamage zu werden. Die mitgefilmt wird, man will ja schließlich auf dem Hochzeitsabend einen lustigen Pleiten, Pech und Pannen-Film zeigen. Da stehen sie, an der Rezeption. Es ist 12 Uhr, ihr Zimmer ist noch nicht frei, bis eben war noch die Belegschaft eines Junggesellenabschieds da drin. Nun müssen erstmal diverse Brände gelöscht werden. Die Minibar wird wieder gefüllt, der Teppich gereinigt und das zerschlagene Badezimmerinventar ausgetauscht. Und das Fenster erneuert. Das ist nämlich kaputt, weil JEMAND mit Anlauf durchgesprungen ist. Hackebreit, nachdem ihm seine Kumpels gezeigt haben, was sich so alles auf dem gehackten Handy seiner Verlobten finden ließ. Die Renovierungsarbeiten dauern zwar ein wenig, gehen jedoch zügig voran. Dann können die lustigen Hühner aufs Zimmer. Schnell zwei Minuten frischmachen und dann hopp hopp auf in die Altstadt, um sich bei brüllender Hitze und gleißendem Sonnenlicht (Temperatur an diesem letzten Wochenende im Mai: schmelztigelige 32 Grad im Schatten) von seinen „Freunden“ vorführen zu lassen. Vor Düsseldorfern, Düsseldorferinnen und ihren Besuchern, die so was ja noch nie gesehen haben. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass Düsseldorf ungefähr dreitausend Jahre vor Christus um einen Junggesellenabschied herum gebaut wurde. Der damals schon genauso aussah wie heute und genauso ablief wie heute. Menschen. So sind sie. Und weil ich das weiß, bin ich dann am frühen Samstag-Nachmittag doch nicht in die Altstadt gegangen. Bei brüllender Hitze. Ich war im Kino, bei netterer Gesellschaft. Die hieß „Alien“. Ich glaube, Alien Teil 39, „Alien vs. Bibi und Tina“. In diesem Film war zwar ebenfalls eine größere Menschengruppe in einheitlicher Kleidung auf einem fremden Planeten unterwegs, um sich Widerliches oral einzupfeifen, um es später zu erbrechen. Aber die Filmkotze ist wenigstens auf vier Gliedmaßen weggerannt und hat dabei laut gekreischt. War also der wesentlich lustigere Film als der, den ich in der Düsseldorfer Altstadt gesehen hätte.

Die letzte Glosse auf WDR 2

16. Mai 2017 – heute lief meine letzte Glosse auf WDR 2. Hier der Text, entstanden direkt nach der Landtagswahl in NRW, bei der die beliebte Volkspartei CDU unfassbarerweise stark gewonnen hat. Vermutlich will das Wahlvolk einfach sicherstellen, dass die politischen Kabarettisten dieses Landes auch weiterhin gutes Material für die Bühne bekommen. Wo sie dann über die Partei herziehen, die jene gewählt haben, die vor ihnen sitzen. Und die jetzt darüber sagen „Genau so isses!“ Ein Glück, dass ich kein Politkabarett mache.

„Die Deutschen lieben ja Musicals. Diese langweiligen Shows, in denen nichts Aufregendes passiert. Untermalt von schlechter Musik, zu der man laut schreiend aus dem Fenster springen möchte. Wenn eins da wäre. Deutschland und Musical – das passt zusammen wie Leitkultur und Sangria-Eimer. Höchste Zeit also für „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig – das Musical“. Wir schreiben das Jahr zweitausendfünfundzwanzig. Die Deutsche Bahn hat die Fahrkarten gestrichen. Das war der finale Schritt – nachdem die Fahrpläne, die Wagenreihung und überdachte Bahnsteige abgeschafft wurden. Die Fahrkarte heißt im Jahr zweitausendfünfundzwanzig Smartphone. Dumm nur, dass es gar keine Smartphones mehr gibt. Das heißt: keiner darf mehr mitfahren. „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig“ Stillstand ist mehr als ein Wort. Seit zwanzig Jahren steuert Angela Merkel die Chefnation Europas. Und sie steuert sie auf Sicht. Sie hat Frankreich das Taschengeld gekürzt, Griechenland per Schuldschein an die Türkei verkauft und Ungarn an Österreich verschenkt. Aber die Höchststrafe gab’s für Portugal. Der spanische Blinddarm muss per Dekret solange den Eurovision Song Contest ausrichten, bis die iberische Außenkante endgültig vom Atlantik gefressen wurde. „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig“: Merkel hat die SPD fermentiert. Weg von einer Partei, hin zu einem Alibi-Grund, überhaupt noch so was wie Wahlkampf machen zu müssen. Eigentlich braucht man diesen Quatsch aller vier Jahre nicht mehr, weil sich der so genannte Wähler, trotzdem er die Wahl hat, eh immer fürs selbe Angebot entscheidet. Aber laut Grundgesetz gibt es sowas wie eine Legislaturperiode. Und noch gibt es Leute, die trotz Bildungssystem das Wort „Legislaturperiode“ aussprechen können. Auch wenn sie dafür betrunken sein müssen. „Deutschland – das Musical“ Sehen Sie, wenn die Deutschen auch im Jahr zweitausendfünfundzwanzig gefragt werden, was sie wählen wollen. Wenn die Gegenkandidaten von Angela Merkel nur ein paar Emojis bei WhatsApp sind. „Deutschland das Musical“ – mit Helene Fischer als Angela Merkel und Erika Steinbach als Bundeswehrkaserne. Musik: Die Amigos. Pausensnack: Kartoffeln mit brauner Soße. Zu erleben ist das Ganze im Musical Dome Berlin Schönefeld, vormals bekannt als Flughafen Berlin Brandenburg. Ich werde dieses schöne Musical jetzt schreiben. Kann also hier keine Glossen mehr machen. Ich bedanke mich für dreieinhalb Jahre treues Zuhören und wünsche ihnen viel Vergnügen mit meiner Nachfolgerin Katrin Bauerfeind. Ab nächster Woche hier auf diesem Sendeplatz. Tschüß!“

Und nun schreibe ich wieder Texte ausschließlich für die Bühne. Es waren interessante dreieinhalb Jahre, in denen ich viel lernen durfte über Radiohörerbefindlichkeiten, nicht richtig zuhören können und vor allem, schnell auf den Punkt zu kommen. Das ist man gar nicht so leicht, nönö. Wichtig auch: schon beim Ersinnen der Glosse die Schere im Kopf mitschnibbeln zu lassen, damit man ja keiner Randgruppe daheim am Empfänger auf die Füße tritt. Ich möchte mich vielmals dafür bedanken, diese schöne Sache gemacht haben zu dürfen. Einmal pro Woche die aktuelle Lage präzise wie ein Privatgelehrter einzuordnen. Was auf mehr oder weniger Resonanz stößt. Und im besten Fall WDR 2 einmal pro Woche für zweieinhalb Minuten davon abhält, schlimme Musik von Silbermond und Tim Bendzko zu spielen. Und vor allem möchte ich nicht verschweigen, dass es auch sehr viel Zuspruch gab. Teilweise sogar persönlich, mündlich vorgetragen von wildfremden Menschen, die mich weit außerhalb des WDR-Sendegebietes auf die Radioglosse ansprachen. Ein schönes Gefühl. Danke danke danke und gerne jederzeit direkt nach den Auftritten. Denn die gibt es weiterhin. Bundesweit. Und auf WDR 2 sendet nun Katrin Bauerfeind. Vermutlich, weil Barbara Schöneberger keine Zeit hatte.

Ein kleines Wunder

„Ich kannte ein Mädchen in Plauen, da bin ich bald abgehauen“ – diese Zeilen würde Ingo Insterburg heute vermutlich aktualisiert singen. Der freche Barde würde „Mädchen“ durch „Rentner“ ersetzen. Denn Plauen ist eine dieser typischen überalterten Oststädte, denen es mal wesentlich besser ging. „Das war mal die reichste Stadt in Deutschland“ klärte mich eine Besucherin nach dem Auftritt im Malzhaus auf. „Wann denn?“ frage ich ehrlich interessiert. „Zur Jahrhundertwende“ sagt sie. „Zu welcher Jahrhundertwende?“ frage ich zurück. „Na, 1900!“ erwidert sie. Alles, was damals in Deutschland produziert wurde und Reichtum schuf, wurde also in Plauen produziert und schaffte dort Reichtum. Plauener Spitze logischerweise, aber auch Schwerindustrie, Leichtindustrie und überhaupt Industrie. Das ist aber nur wirklich schon lange her. Der Boom hatte Plauen bereits lange vor Geburt der guten Frau verlassen. Kurz nach Ende des ersten Weltkrieges nämlich war der Goldrausch in Plauen nach 20 Jahren schon wieder vorbei. Wie das so ist mit Konjunkturspitzen, irgendwann sind sie abgefeilt. Aber nachtrauern wird man der guten alten Zeit ja wohl auch heute noch dürfen. Heute, wo die letzten der wenigen Jobs nach Polen abwandern oder in noch unaussprechliche Länder. In den Schaufenstern vieler Läden rufen „Zu Vermieten“-Zettel stumm um Hilfe. In der Innenstadt ist es in bestimmten Momenten tagsüber leiser als auf einem Friedhof. Manchmal miaut eine Katze, entschuldigt sich aber sofort für die Ruhestörung. Wenn man genau hinguckt, sieht man durchaus junge Leute. Aber ins Auge fallen in einer verlassenen, vereinsamten ostdeutschen Innenstadt nun mal eben die sehr gut dazu passenden Rentner und die Trägen, die die Bürde ihres eigenen Übergewichts mit sich herumschleppen. Mich wundert immer noch, dass ungefähr 150 Zuschauer zu meinem Auftritt kamen. Gerechnet hatte ich mit einer wesentlich übersichtlicheren und kleineren Zahl. Denn auch mein Business hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Scheinbar jeder junge Mensch, der sein Leben als Comedian oder Slammer in einigermaßen unterhaltsame Worte kleiden kann (so wie ich) drängt mittlerweile auf die Bühne (so wie ich). Poetry Slam ist heute ein anderes Wort für Zivildienst. Auf der Bühne wird es also langsam voller als im Zuschauerraum. Denn das Publikum wird ja nicht automatisch mehr – da kann Frauke Petry noch so viele Kinder fordern und selber mit gutem Beispiel vorangehen. Und das potentielle Publikum geht ja auch nicht automatisch häufiger abends aus, nur weil auf den Bühnen viel mehr los ist als früher. Zusätzlich sind die Leute übersättigt durch unfassbar viele lustige Lachsendungen im Fernsehen, die ihrerseits wieder auf Facebook vertreten sind. Parallel dazu finden in jedem Kaninchenstall landauf landab verdammt lustige Comedymixshows statt. Nirgendwo ist man mehr sicher vor Lachsalven, hinter jeder Ecke dieses Landes lauert ein Humorist, um sein argloses Opfer mit lustigen Knallergags zu belästigen. „Mich wundert ja, dass überhaupt noch jemand kommt“ sagte kürzlich ein altgedienter berühmter Kabarettist zu mir, mit dem ich auf einer Zugfahrt plauderte. Als er diese abgeklärten Worte sprach, dachte ich: „Mich auch.“ In wenigen Tagen hätte es mich zu einem Auftritt in Hoyerswerda verschlagen. Einer Stadt, über die man selbst in Plauen sagt: „Ach du Scheiße! Da ist ja gar nichts mehr.“ Außer einem gleichzeitig stattfindenden Musikfestival, vermutlich umsonst und draußen und mit Matthias Reim als Stargast. Und dementsprechend wenig verkauften Eintrittskarten für mich. Also noch weniger als ich dachte. Darum haben wir den Auftritt verschoben. Auf den 6. Dezember. Nikolaustag. Wo man den anderen was in die Schuhe schieben kann.

Noch einmal WDR 2

Wie der ein oder andere weiß, sendet WDR 2 jeden Dienstag im Rahmen der Reihe “WDR 2 Kabarett” bzw “U-Punkt” – wie es früher hieß – eine Glosse von mir. Seit dreieinhalb Jahren darf ich mich dort austoben. Dafür bin ich sehr dankbar, kann ich doch machen, was ich will. Denn eine Zensur findet nicht statt (außer bei Schimpfworten). Nach knapp 200 Glossen kann ich sagen: Der schärfste Zensor ist der Hörer. Manchmal erreichen mich nämlich empörte und entrüstete Hörerrreaktionen. Die decken die ganze Palette der Eingeschnapptheit ab, von der leichten Magenverstimmung über die persönliche Beleidigung bis hin zur lauten Foderung nach Strafverfolgung, Ausbürgerung und lebenslanger Einzelhaft bei Knäckebrot ohne Margarine. Manchmal bekomme ich aber auch Lob. Meistens aber bleiben Reaktionen aus. Dann weiß ich, dass die Glosse zu nett war. Kürzlich hat mich ein Hörer allerdings überrascht. Hiermit:

 “Guten Morgen, Ich habe mich gestern kritisch zu Nils Heinrichs Podcast “Krasser werden…” geäußert. Leider hatte ich da wohl nur mit halbem Ohr zugehört und das ganze ziemlich in den falschen Hals bekommen. Heute habe ich mir den ganzen Podcast noch mal in Ruhe und vollständig angehört – und ich will mich entschuldigen für meine unsachliche Kritik. Das was Herr Heinrich sagt kann ich heute auch witzig finden. Ein gelungener Beitrag zum Wahlkampf und ein Anreiz, nicht immer alles auf die Goldwaage zu legen und auch mal etwas mit Abstand auf die Wahlkämpfer zu blicken. Danke! Viele Grüße, Jochen K.”

 

Am 16. Mai werde ich zum letzten Mal die Glosse am Dienstag bestreiten. Danach übergebe ich den Staffelstab ein eine aus dem Fernsehen bekannte prominente Nachfolgerin. Ich danke jetzt schon fürs Zuhören.

Eine 3 Kilo Hantel und eine Pulle Whisky

… erhält der Sieger des Best of-Slams in Hamburg. Beides befindet sich in meinem Rucksack. Allen potentiellen Rucksackdieben wünsche ich jetzt schon viel Spaß beim Mausen des tonnenschweren Reisegepäcks. Eigentlich wollte ich ja nur Werbung machen für mein Sologastspiel (Sologastspiel klingt um ein vielfaches edler als das profane „Auftritt“) im Hamburger Polittbüro am 29. April. Und wo sollte ein Werbeauftritt besser funktionieren als beim Best of-Slam am Ostermontag auf der Bühne des ausverkauften Hamburger Schauspielhauses, wo 1200 Leute sehen und hören können, was ich so tu. Und entscheiden können, ob sie das nicht nur zehn Minuten, sondern einen ganzen Abend lang sehen wollen. Werbung machen wollte ich. Und nun habe ich alter Sack mit meinem Kram diesen Slam auch noch gewonnen. Gegen blutjunge, mitten im Leben stehende Profislammer. Das klingt jetzt sehr nach „Opa hat noch mal einen hochgekriegt“ und das soll es auch und so fühlt es sich auch an. Geil nämlich. Faszinierend ist auch, vor dem Auftritt in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses (ich kann das nicht oft genug schreiben – Hamburger Schauspielhaus, Hamburger Schauspielhaus, Hamburger Schauspielhaus) dem bekannten Theatergott und nebenberuflichen Film- und Fernsehschauspieler, dessen Name einem nie einfällt, beim Verzehren eines übergroßen Reisgerichtes zuzuschauen. Welches er bis zum letzten Reiskorn vertilgt, nach einer Probe, die offenbar sehr kräftezehrend war. Ich könnte den Mann jetzt googeln, aber das WLAN im ICE ist langsamer als der ICE selber. Aus dem Kopf kann ich einige Produktionen nennen, in denen er mitspielte: „Stromberg – der Film“, „Tatortreiniger“, „Wir sind die Neuen“ und im grandiosen „Wellness für Paare“. Dies nur am Rand. Hauptsache ist: Ich hab gewonnen. Ha! Ach so: meinen Auftritt kann man bald auf dem YouTube-Kanal vom Kampf der Künste anschauen. Ungekürzt. Also besser als im Fernsehen.

Und nochmal: Hamburger Schauspielhaus.

Für viele war das schon Frühstücksfernsehen

Ich weiß, dass gezielte Desinformation, soziales Land- und Stadtgefälle, Politikverdrossenheit und klassische dumme Schuldenbockmentalität gegenüber Ausländern viele Engländer für den Brexit stimmen ließen habe keine Ahnung, was die Engländer reitet, aus der EU rauszuwollen. Für mich haben die Pfefferminzsoßengourmets nie wirklich dazugehört, hinter ihrem Wassergraben. Ich habe auch eine Erlärung für den Türkentrotz, nämlich jahrelanger institutionalisierter Rassismus und der Selbstbetrug, Deutschland sei kein Einwanderungsland auch keine Ahnung, warum und wovon Türken in Deutschland so beleidigt sind, dass sie sich auf die Seite von  Erdogan schlagen. Ich weiß nicht, was denen fehlt. Woran es ihnen mangelt. Deren Realität schlug sich in meiner Biografie nicht nieder. Aus geschichtlichen Gründen. Fühlen sie sich nicht ernstgenommen? Dann geht es ihnen vielleicht wie den Ostdeutschen, deren DDR-Biografien seit den 90ern häufig für null und nichtig erklärt oder schlicht ignoriert wurden, was sie jetzt, knapp 28 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch nicht vergessen können, obwohl sich die Erde inzwischen einige tausendmal weitergedreht hat. Wenn  überhaupt, finden sie nur im Programm des mdr statt. Darum wird dieser Sender im Osten auch so häufig geguckt. Was mich allerdings in Sachen Pegida auch nicht schlauer macht. Weiß der Geier, was den Leuten fehlt, die da nach wie vor hingehen. Im Prinzip nichts, die wollen halt nur Recht haben. Das einzige, was ich weiß, ist: vor kurzem war ich im Fernsehen! Am Donnerstag, 6. April, NDR, 23.30 Uhr. „Intensivstation“ hieß die Sendung. Man kann sie in der NDR-Mediathek sicherlich noch anschauen. Den Link muss man aber selber suchen, mir fehlt dazu die Lust, da man meine Sprechnummer eh zusammengeschnitten hat. Aus Zeitgründen. Ich kann ja verstehen, dass man eine 90minütige Aufzeichnung irgendwie für die Ausstrahlung auf die 45 eingeplanten Minuten runterkürzen muss. Aber wem mit der Ausstrahlung zusammengeschnippelter Häppchen gedient ist, deren Aufzeichnung mit Kulissenbau, zwei Ü-Wagen, Maske, Kostüm, stundenlanger Probe sowie Band ein irrsinnig hoher Aufwand war, das kann mir keiner erklären. Selbst wenn er es versuchen würde, ich würde es nicht verstehen. Da kann ich ja gleich YouTuber werden. So! Naja, immerhin war ich in der Sendung auch mit einem Lied zu sehen. Und das kann man dem NDR nicht hoch genug anrechnen. Normalerweise heißt es nämlich, dass die Zuschauer wegschalten, wenn Musik kommt. Umso dankbarer bin ich und höre ja schon auf zu meckern. Fernsehen ist super. Jawohl.

Auf diesem Foto fragt sich der Kollege John Doyle, der neben Antonia von Romatowski und Hans-Hermann Thielke ebenfalls dabei ist, warum nicht er als great Amerikaner auf dem Werbeposter für die TV-Aufzeichnung in Einbeck ist. Sondern ein Ostdeutscher.

Ich weiß es doch auch nicht.

Warum geht im Osten nix?

Direkt nach meinem Auftritt im Comma in Gera verfasse ich noch schwer begeistert diese Zeilen. Im Comma in Gera hat schon jeder gespielt, der jetzt weltbekannt ist. Rammstein auch. Und Wanda, vor kurzem. Und ich. Heute. Im kleinen Saal zwar, aber immerhin. Das Publikum Ost ist toll, sehr toll. Meistens. Also oft. Also bis auf wenige Ausnahmen gilt: es hört auch die Zwischentöne, versteht die versteckten Gags und weiß sie durch entsprechende Reaktionen zu honorieren. Es ist sehr schön, im Osten aufzutreten. Da, wo eigentlich alles so schlecht sein soll. Einige Dinge sind es auch. Zweifellos. Beispielsweise stehen einige Häuser nur noch deswegen in den Innenstädten, weil ein Briefkasten dranhängt. Aber die Leute, die drumherum wohnen, sind es wert, für sie aufzutreten. Ich finde es sehr schade, dass das nicht öfter passiert. Meinerseits. Aber in diesem Frühjahr 2017 habe ich zumindest die Gelegenheit, in Erfurt, Plauen und Hoyerswerda (ja, auch da) einige einigermaßen bis sehr gute Abende zu erleben. Ich freu mich jetzt schon. Und zwar ernsthaft.

Abgesehen davon habe ich in diesem Hotel in Gera sogar Internet, das den Namen Internet verdient. Ich kann Netflix in HD kucken. Und nicht nur, wie sonst, in Pixeln. Dieses Internet hier hat Geschwindigkeit und ist nicht aus den 70ern, wie das Kupferkabelinternet so vielen anderen Herbergen und Landgasthöfen in den gebrauchten Bundesländern. Ich finde, das sollten alle wissen.