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Wir verstehen das nicht!

Einmal im Monat interessiere ich mich ja neben Kochrezepten auch drei Sekunden lang für Politik. Und so erfuhr ich kürzlich vom Generationenkonflikt innerhalb der SPD. Der Chef der Jungsozialisten will keine große Koalition. Und die Älteren nehmen ihn nicht ernst, weil der Mann mit Vornamen Kevin heißt. Man kann es den älteren Herr- und Damenschaften aber auch nicht verübeln. Denn die Welt da draußen ist nicht mehr so einfach wie zur Zeit des Säbelzahnzigers und der Ado-Goldkante. Wie man außerdem weiß, ist Kevin kein Name, sondern eine Diagnose. Außerdem ist der Rotzlöffel so frech, nicht mal 30 zu sein. Er wird folgerichtig von den Politsauriern bei Maybritt Illner geduzt. Und in TV-Interviews gefragt, ob er in einer WG wohnt. Vermutlich muss er sich auch fragen lassen, ob sein Fahrrad Stützräder hat und ob er seinen Popel in Honig taucht, bevor er ihn isst. Was alte Leute junge Früchtchen eben so fragen. Mich erstaunt an der im Internet mit reichlich Beispielen, O-Tönen, Clips und Screenshots geführten Debatte eigentlich nur, dass die SPD noch Mitglieder unter 30 hat. Ansonsten ist diese Debatte nur ein kleiner Frontabschnitt im gottseidank noch unblutig ausgetragenen Generationenkonflikt. Unser Land hat viele alte Babyboomer und wenig junge Babyloser. Zwischen ihnen knirscht es gewaltig, und zwar exakt an der Stelle, wo sich die Leute meiner Generation rumdrücken. Die zwar auch irgendwie da sind, aber nicht so richtig in Erscheinung treten. Auch in der Alterspyramide ist nämlich die Mittelschicht weggebrochen. Vermutlich melden sich Menschen meines Alters aber auch nicht zu Wort, weil sie selber gerade Kleinkinder großziehen (endlich mal was Sinnvolles vollbracht) oder hektisch schnell noch ihr Leben leben müssen. Sie stürzen sich in Hausbau, Weltreise, Extremsport oder irgendeinen anderen Wahnsinn. Weil die mit Mitte 20 zur Welt gebrachten Kinder endlich aus dem Haus sind. Und gerade noch ein bisschen Geld da ist, bevor die unausweichliche Altersarmut ausbricht. Rechts und links daneben kämpft Alt gegen Jung – das ewige Lied. Und ich stehe an der Seite und schaue interessiert zu. Dass die Alten die Jungen nicht verstehen, kenne ich ein bisschen auch schon von mir. Ich raffe nicht, was da einige Poetry Slammer und blutjunge Kölner Comedians auf YouTube treiben. Ich sehe mir das an und denke „Aha. Verstehe ich nicht.“ Aber sie haben reichlich Publikum, das im Gegensatz zu mir die Codes kennt. Also ist das für mich in Ordnung. Ich bin nicht die Zielgruppe. Ich konnte als Teenie auch nicht über Loriot lachen. Oder über den Scheibenwischer. Und jetzt muss ich nicht mehr alles verstehen. Ich habe auch keine Zeit mehr, mich mit allem auseinanderzusetzen. Ich habe ja nicht mal Zeit, zum Friseur zu gehen – man sehe sich nur oben das Selfie an, für das ich extra meinen schwarzen Politkabarettistenrollkragenpullover aus dem Koffer geholt habe. Damit kann ich ein echt amtliches und altehrwürdiges Doppelkinn formen. Aus vielen Gesprächen weiß ich beispielsweise auch, dass das reife Kabarettpublikum „Die Anstalt“ im ZDF ü-ber-haupt nicht mag. Und darum nicht guckt. Den durch Urban Priol und Volker Pispers geschulten Kabarettfans fehlt das traditionelle Politikerbashing, das hierzulande als „Politkabarett“ missverstanden wird. Das wollen sie sehen, alles andere ist ihnen egal. Dabei macht „Die Anstalt“ hochpolitisches Kabarett. Politik ist ja immer auch privat. Und „Die Anstalt“ müht sich, Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn was kann ein Politiker schon ausrichten, der von Lobbyisten weichgeknetet wird, die letztlich im Dienste ihrer Konsumenten unterwegs sind, die das Business des Lobbyisten tagsüber durch ihr Kaufverhalten am Laufen halten, während sie abends vorm Fernseher sitzen und höhnisch über verballhornte Politiker lachen. Die ihrerseits völlig verzweifelt und verunsichert ihre letzten Wählertruppen mit platten Parolen und bizarren Ängsten zu steuern versuchen und das ganze als Demokratie definieren. Manchmal, aber nicht zu oft, schießt „Die Anstalt“ freilich ein bisschen übers Ziel hinaus oder versäumt bedauerlicherweise, lustig zu sein. Aber sie hat ein Alleinstellungsmerkmal. Und das heißt nun mal „Bildungsauftrag“. Und das ist bei mindestens zwanzig monatlichen witzigen und lustigen und ach so komischen Kabarett- und Comedyshows allein im öffentlich rechtlichen Fernsehen gleichermaßen selten wie Gold wert. Die jungen Zuschauer hängen Claus von Wagner und Max Uthoff an den Lippen. Sie twittern sich auch hochengagiert während jeder Ausgabe der „Anstalt“ die Finger heiß. Während die alten Politkabarettfans in Scharen davonlaufen und nur noch von einigen Sendungen in dritten Programmen ihre gewohnte und wohl auch benötigte Kost bekommen. Das ist, kurz zusammengefasst, der Generationenkonflikt in meinem Berufsfeld. Alt gegen Jung. Und ich mit meinen Themen mittendrin. Und über Netflix bzw. Amazon Prime, die dem traditionellen Fernsehen gerade ein ähnliches Grab schaufeln wie vor kurzem Apple der Musik- und Fotokameraindustrie, habe ich noch nicht mal ansatzweise geschrieben. Und jetzt gucke ich wieder aus dem ICE-Fenster. Guck mal da: ein Vögelchen!

Flotter Otto

Flotter Otto ist auch so ein Begriff aus Kindertagen. Flotter Otto ist nicht die berühmte Schmalspurbahn auf der Insel Rügen und auch kein superschneller Fußballnationalspieler aus den 70er Jahren. Flotter Otto ist genau der richtige Kosename für Durchfall. Für das Zeug also, das mit zweifacher Schallgeschwindigkeit aus dir rausschießt, wenn du was Falsches gegessen hast. Oder gestern zu viel Bier hattest. Oder Kinder heranziehst, damit die Gesellschaft auch zukünftig über Bauarbeiter, Beamte, Blogger, Billigfliegerpiloten oder Poetry Slammer verfügt. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. Und wenn in der Kita der Zettel hängt, der fröhlich verkündet, dass gerade „Magen Darm“ umgeht, kannst du davon ausgehen, dass der feine Herr Magendarm irgendwann auch bei dir klingelt. In diesem Fall ist es dann egal, ob du ihm die Tür aufmachst. Er kommt notfalls durchs Schlüsselloch. Und dann pfeift er kurz „Hallo“, was genau so klingt wie das Sturzflugpfeifen eines Stuka-Bombers. Schon wirft der flotte Otto seine Bombe und ist wieder verschwunden. Und all deine Körperflüssigkeit und all die Elektrolyte mit ihm. Jetzt liegst du da, weidwund, schwach, und betrachtest aus weit geöffneten Pupillen deinen kleinen Teil des Universums. Die kanadische Sängerin Alanis Morissette hatte mal einen halben Hit namens ‚Thank U‘, in dem von transparenten Karotten die Rede war und von zerbrechlicher Göttlichkeit und von Vergebung und von Indien. Ich habe das erwähnte Lied lange Zeit für absoluten Quatsch gehalten. Für die überbewerteten Zeilen einer viel zu jung viel zu berühmt gewordenen Singer-Songwriterin, die der Ruhm verrückt gemacht hat. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Denn jetzt, viele Jahre später, ist mir klar: die Frau hatte einfach Durchfall und lag mit den Spätfolgen im Bett. In ihrem Fall wars sogar Diarhöööö. Auch so ein absolut passendes Wort mit richtiger letzter Silbe für das Phänomen Flotter Otto Denn wenn dieser bei dir ein- und ausgebrochen ist und alle Vorräte an Körperflüssigkeit mitgehen ließ, du dich also vollkommen entwässert auf der Matratze krümmst und nichts mehr kannst außer die Decke anzustarren, verstehst du nämlich plötzlich alles. Denn die Muster, die du auf der weiß verspachtelten Zimmerdecke siehst, erklären dir die Welt. Wie die Kernspaltung geht, warum es die FPD gibt, was veganer Braten ist und warum sich Leute gegenseitig zu Heiligabend Weihnachts-CDs schenken, obwohl man sie ab Heiligabend nur noch zwei Tage lang hören kann. Du siehst die Zusammenhänge hinter allem. Und was am Interessanten ist: sie sind dir vollkommen egal. Wie das nun mal so ist, wenn sich das Bewusstsein erweitert. Obwohl du oben permanent nachgießt, hast du kein Wasser mehr im Körper. Du verspürst Erleuchtung durch Vertrocknen. Und fragst dich eines: Warum pfeifen sich Leute teure Drogen rein, um das gleiche zu fühlen wie du? So einen Wahnsinnstrip, der bis zu zwei Tage anhält, kann man sich doch auch ohne Opium oder LSD verschaffen. Einfach mehrmals im November durch eine Kita laufen. Wenn man Kinder hat und da rein darf. Wenn man keine Kinder hat, kann man ersatzweise zwei Stunden lang im Berliner S-Bahnhof Westkreuz genussvoll das Rolltreppengeländer ablecken. Oder zum achten Mal in Folge Entenkeule mit Rotkohl und Klößen essen und abends trotz sehr gut hörbarer Bauchpolonaise in der Dickdarmgegend noch ein schönes kaltes Bier zischen. All das kann zur inneren Einkehr nach sitzendem Sturzfasten führen. Was sich nun in meinem Fall in den letzten Stunden vorm ganz privaten Burnout ereignet hat, überlasse ich jetzt mal der Fantasie der Leserschaft. Bevor sich jemand allzu große Sorgen macht, schließe ich diesen Eintrag mit den goldenen Worten von Reinhold Messner: „Ich bin übern Berg!“ und wünsche geruhsame, ruhige und ausgeglichene Festtage. Und achtet darauf, dass ihr euch auch über die Feiertage ausgewogen ernährt. Sonst brennt irgendwann die fünfte Kerze. Aber ganz woanders.

Angstangstangst

Am 19. Dezember 2016 ermordete eine gescheiterte Existenz namens Anis Amri – aktenkundig, drogensüchtig, kleinkriminell und ungesund religiös aufgeladen – mit einem geklauten LKW auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mehrere Menschen. Trotzdem er überwacht wurde. Überwacht von Behörden, die schon mit Fahrraddiebstählen heillos überfordert sind. Am Tag darauf musste ich in derselben Stadt in einer Comedy-Show auftreten. Vorher zermarterte ich mir das Hirn. Kann und darf man jetzt lustig sein? Wie lustig überhaupt? Wird denn überhaupt jemand in die Show kommen? Sind die Menschen in der Realität auch so betroffen wie bei Twitter? Oder ist den Menschen hier in Berlin wieder mal alles egal? Antwort: der Laden war bumsvoll. Niemand war wegen Terrorgefahr zuhause geblieben. Die Stimmung: sehr ausgelassen. Nicht wenige Zuschauer waren weihnachtlich angemessen betrunken. Kurz vor Weihnachten erfreuen nämlich gern komplette Belegschaften mittelständischer Kleinunternehmen die Kabarettvorstellungen und Comedymixshows mit ihrer Anwesenheit. Weil der Chef die fantastische Idee hatte, seine Angestellten mit Kultur zu konfrontieren. Für die Angestellten heißt das: sie dürfen auf Kosten des Chefs so viel schlucken, wie reingeht. Und das kosten sie aus. Sie wollen es dem alten Kapitalistenschwein mal ordentlich heimzahlen. „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!“ Während der Chef die Sause mit den Angestellten schön von der Steuer absetzen kann, müssen alle anderen im Saal das in Alkohol gelöste Betriebsklima ausbaden. Denn betrunkene Arbeitnehmer tun im Kreis ihrer Kollegen besonders intensiv, was Betrunkene nun mal so tun: laut ihr Revier markieren. Sie müssen die Kollegen schließlich damit beeindrucken, zehnmal lustiger zu sein als der Rest der Belegschaft. Und hundertmal lustiger als alle andern Flachpfeifen im Saal. Die so dämlich waren und selber Eintritt bezahlt haben. Da sitzt dann schon mal die Belegschaft eines Schmiermittelvertriebs im Saal. Werbespruch: „Wo wir schmieren, quietscht nichts mehr!“ Oder eine komplette Kfz-Schlosserei. Handfeste Schwerathleten, die zum Frühstück Buletten mit Kunsthonig essen und sich die Zähne mit Hackfleisch putzen.
Und man spricht auf der Bühne gegen eine Wand aus Schlürfgeräuschen, gegrunzten Witzwiederholungen und Livekommentaren. Man ist dummerweise nüchtern. Man erlebt also das Desaster bei vollem Bewusstsein. Und man grübelt, für welches Verbrechen man hier gerade bestraft wird. Und die anderen Teile des Publikums leiden mit, solidarisieren sich aber nicht. Und die Sekretärinnen der Firma machen sich Notizen. Und der Chef lächelt.
Und am nächsten Tag liest man die Schlagzeile der BILD: „ANGST!“
Und man denkt sich: „Nein. Neinneinnein. Angst hat man vielleicht als dunkelhäutiger Mensch in Ostsachsen. Oder wenn man im Stauende steht und hinter einem wird ein LKW immer größer, aber nicht langsamer. Aber die Leute gestern hatten keine Angst. Die hatten Durst.“
Das alles ist jetzt ein Jahr her. Glücklicherweise hat sich bislang hierzulande so eine Terrorhorrorstory nicht wiederholt. Wenngleich solche Dinge von Leuten, die politisch und klickzahlentechnisch davon profitieren, immer wieder runtergebetet werden. Aber das Leben geht weiter. Mit all seinen Weihnachtsfeiern, Volksfesten und sonstigen Gründen, sich ordentlich die Kante zu geben. Ich für meinen Teil möchte nur hoffen, dass bei meinen letzten drei Auftritten in diesem Jahr nach Möglichkeit keine Betriebsweihnachtsfeiern im Saal hocken. Ich trete nämlich am liebsten immer noch vor Leuten auf, die freiwillig kommen. Und keine Angst haben. Wovor auch immer.

Kevin Spacey

Jetzt also auch Kevin Spacey, der sympathische bisexuelle Mordpräsident aus dem Internet. Nun hat sie auch ihn erwischt, die Debatte aus ebenjenem Internet. Die in den hintersten Winkeln der deutschen Provinz einerseits beim Friseur abgehandelt wird und andererseits höchstens einige Schafe aufstöhnen lässt „#metoo!“ Hin und wieder telefoniere ich ja noch. Aber nur mit Leuten über 30. Die wissen noch, wie das geht. Und gerade sprach ich fernmündlich mit einem Kollegen, den ich hier mal Tommy Wipp nennen will, weil ich seinen richtigen Namen Timo Wopp nicht nennen darf. Wir fachsimpelten unter anderem auch über Kevin, den alten Fummler. „Was hat er denn bitteschön angestellt?“ fiel irgendwann als Frage. Keine Ahnung, wer sie stellte. „Er hat‘s gesagt!“ „Nein, er hat‘s gesagt!“ (Shitstorm bitte da oder da hin) Hat Spacey jemanden vergewaltigt? Hat er einen noch relativ unbekannten Nachwuchsdarsteller gegen dessen Willen in die tiefen Geheimnisse der Schauspielerei eingeführt? Nein. Zumindest hat sich noch niemand diesbezüglich zu Wort getwittert. Also, was hat der Spitzenschauspieler, der auf der Leinwand so schleimig sein kann wie kein zweiter, getan? Was hat sich der Mann zuschulden kommen lassen, dessen Gesicht man sofort seinem Namen zuordnen kann, was unter Schauspielern die allerhöchste Auszeichnung ist? Womit hat er sich angreifbar gemacht? Außer mit der Tatsache, dass er jemanden im Vollrausch einlud, die anatomischen Vorzüge seiner Harnröhrenisolierung abzutasten? Was gleich mal die Antwort ist auf die Frage „Womit hat er sich angreifbar (angreifbar, höhö) gemacht?“ Und warum habe ich von all den Jungs, die sich jetzt ihrer TwitterApp anvertrauen, noch nie was gehört? Und ist nicht die Schauspielerei letztlich jenes Gewerbe, in dem sich Leute was vorspielen? Teilweise küssen die sich ja sogar, obwohl sie in der Realität geschieden sind. Oder noch krasser: Verheiratet. Es soll auch schon vermehrt zu Sexszenen gekommen sein. Vor der Kamera. Die dann nicht mal zum kostenlosen Spannen ins Internet gestellt wurden. Nein, man muss eine teure Eintrittskarte kaufen, um sich die Ferkelei zusammen mit anderen Menschen in einem speziell für dieses Public Viewing aufgesperrten Kinosaal anzugucken! Wo jeder sofort mitkriegen würde, wenn man sexuell rettungslos aufgekratzt an sich rumspielt. Nein nein nein! Die Schauspielerei besteht aus Lug und Trug und es wundert mich gar nicht, dass bei manchen Menschen, die sich, und das muss hier betont werden, höchst freiwillig in dieses Gewerbe begeben, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Vor allem nicht bei Kevin Spacey. Der zweimal den Oscar bekam, ein Kassenmagnet ist und außerdem mal so eben durch seinen Einsatz bei ‚House of Cards‘ in vorderster Front mithalf, die Art des Fernsehens komplett neu zu erfinden. Dieser hochbegabte Superschauspieler denkt nun mal, er kann sich alles leisten. Er ist schließlich US-Präsident! Die Schauspielerei ist voll mit Leuten, die in diesem Fummelgewerbe die Grenzen des Fummelns stets neu ausloten. Da geht’s schlimmer zu als bei der Stadtreinigung Wolfenbüttel. Das kann so nicht weiter gehen. Ich schlage daher vor, dass sich weltweit alle Schauspieler außerhalb des Sets, um anzügliches Kollidieren zu vermeiden, sofort in Funktionsjacken hüllen. Dann kommen eine Schweißermaske aufs Gesicht und Topflappenhandschuhe über die Griffel. Und wenn anlässlich eines Drehschlusses oder einer Filmpremiere eine Party stattfindet, hat jeder Schauspieler auf dieser Party zur sexuellen Belästigungsprophylxe nur in Begleitung seiner Anwälte, seiner Mutter und eines live streamenden Smartphones zu erscheinen. Damit wir nie nie nie wieder durch überflüssige Fummelberichte aus der Glimmerwelt von den wirklichen Problemen dieses Planeten abgelenkt werden, wie zum Beispiel dem lahmarschigen Internetausbau im nördlichen Sachsen-Anhalt. Da wissen die Leute ja bis heute nicht, was der olle Schlawiner Kevin Spacey so angestellt hat! Und wo ich in meiner Eigenschaft als selbsternanntes Sprachrohr gerade mal dabei bin, völlig berechtigte Forderungen zu stellen, fordere ich auch ein umfassendes, ab sofort geltendes Redeverbot für Alexander Dobrindt, die alte Vollnulpe! Denn niemand hat so sehr das Recht verwirkt, in der Öffentlichkeit überhaupt noch den Mund aufmachen zu dürfen, wie dieser Blödelbayer aus den nassfeuchten süddeutschen Inzestgebieten.

Ich habe fertig!

Halloween

Wenn ihr kleinen süßen Hexen und Mumien, die ihr von euren Erzeugerschnöseln vorn und hinten alles reingeblasen bekommt und die 300 Meter zur Kita im Q7 gefahren werdet, damit ihr dank des erhöhten Sitzens frühzeitig das Bewusstsein ausbildet, zur Elite zu gehören, euch nächstes Jahr zu Halloween, einem Fest der Amerikaner, die eure Eltern für Besatzer halten, obwohl ein beträchtlicher Teil dieser Amerikaner aus nichts anderem besteht als ehemaligen Familienmitgliedern, wenn ihr kleinen TÜV-geprüften und globuliinduzierten Duracell-Häschen euch wieder über die in euren aufgrund übermäßigen iPhonegebrauchs kurzsichtigen Augen unzureichende Süßigkeitenauswahl beschwert, dann ist aber mal Reformationstag! Dann gibt’s für euch verwöhnte Brut nächstes Jahr Kartoffeln aus dem Reformladen. Da ist unreformierter Zucker drin. Und dann nehmen wir euch mit in eine der Jahreszeit entsprechend temperierte Kirche. Und da drin gibt’s kein offenes WLAN. Da drin gibt’s ein offenes EKG. Das singen wir komplett durch, während wir solange auf der harten Holzbank sitzen, bis ihr Süßen richtig sauer werdet!

Ja, auch ich wurde belästigt

Erfreut nehme ich zur Kenntnis, dass die Fraktion einer ganz ganz neu in den Bundestag gewählten relativ neuen Partei sofort mit der Arbeit loslegt. Diese Partei schreibt sich bekanntermaßen Freiheit und Feminismus auf ihre blaue Fahne. Und auch in dieser Saison flammt traurigerweise wieder eine Sexismusdebatte auf. „Auch ich wurde sexuell belästigt“ bekennen bekannte Frauen auf dem Titelblatt der BUNTE. Man möchte fragen: „Was, wart ihr auch Silvester in Köln?“ Und diese Frage wäre natürlich Quatsch. Weil jeder weiß, dass Notgeilheit und sexuelle Übergriffigkeit auch außerhalb Silvester und außerhalb Kölns Konjunktur haben. Beispielsweise Dienstags im Kopierraum. Ausgehend nicht zwangsweise von einem Nafri, sondern von einem Eiheibetrivor (Eigenheimbewohnender triebgesteuerter Vorgesetzter). Ich finde es darum Klasse, dass sich die erklärt feministische AfD-Fraktion geschlossen diesem virulenten Thema annimmt. Oder habe ich das nur geträumt? Ich gestehe: auch ich wurde schon mal begrapscht. Von einem schwulen Arbeitskollegen. Lange her, sehr lange. Er hat mir mit tiefem Blick die nicht sehr muskulöse Brust gestreichelt. Ein bisschen war ich ja schon geschmeichelt. Wir beide waren aber auch betrunken. Ich ließ es ihm durchgehen, als kleine Dankbarkeit für das Erledigen meiner Steuererklärung. Ein ganz klein wenig habe ich mich ja auch über diese Zuneigung gefreut. Obwohl ich definitiv auf Frauen stehe. Egal. Anderes Thema: Einschusslöcher. In den USA kann man sich aussuchen, ob man am bleiernen Schuss aus der Wumme oder am goldenen Schuss aus der Nadel stirbt. Seit Jahren knallen sich immer mehr Freunde des Heroins mit einer Überdosis desselben für immer in die Nähe ihres Herrn. Oder in die ewige Dunkelheit. Die zwei Gründe dafür: krasse Schmerzmittelabhängigkeit, die nur Heroin wegkriegt, wenn die vom Onkel Doktor verschriebenen Tabletten aufgegessen sind. Und hochqualitative, saubere Wegknallware direkt vom Erzeuger (Afghanistan). Mit eigenem Vertrieb (US-Army) auf kürzestem Weg zum Verbraucher gebracht. An der heimatlichen Heroinfront fallen pro Jahr mehr US-Amerikaner als im gesamten Vietnam-Krieg. Und was gibt’s hierzulande? Jamaica-Koalitionsgespräche (Hören Sie bitte auf zu gähnen!).  Die CDU will den Grünen deren Klimaschutzphantasien ausreden. Denn die Schließung der Braunkohlekraftwerke vor allem im CDU-NRW würde Arbeitsplätze kosten. Dreck rausblasen sichert also Arbeitsplätze. Kennt man ja von der Verkehrspolitik. Beliebtester Satz von Familienvätern, die ihren dreiköpfigen Anhang gerade sicher zur Ferienwohnung auf Rügen chauffiert haben: „Wir waren acht Stunden unterwegs. Wir haben nur im Stau gestanden.“ „Wo kommen Sie denn her?“ „Dresden.“ Aber was bringt man nicht gern für Opfer für die zielführende Verkehrspolitik der Bundesregierung. Hauptsache, man hat überlebt und wurde nicht am Stauende zum Opfer eines eben da ungebremst reinkachelnden Truckers, der am Steuer Game of Thrones auf dem iPad guckt, mit Kopfhörern. Während er spanischen Billigkefir zum Umetikettieren nach Kroatien bringt, damit er hier als Alpenmilchjoghurt verkauft werden kann. Der Tod im Straßenverkehr ist ein gesellschaftlich akzeptiertes Schicksal. Sichert ja Arbeitsplätze. Ebenso wie das Einatmen dreckiger Luft und das vom Baum erschlagen werden infolge klimawandelgepimpter Starkstürme. Am Wochenende soll es ja wieder kräftig blasen. Bevor es dann im Winter nicht schneit. Insofern wünsche ich allen ein schönes und sicheres Wochenende. Setzt den Fahrradhelm auf, wenn ihr rausgeht!

Draußen sein

Eltern kleiner Kinder sind ja am Wochenende in der Regel draußen. Wegen der Kinder. Eine vorzügliche Gelegenheit, die anderen Eltern kleiner Kinder zu beobachten und zu belauschen. Um sich selber zu bestätigen, dass bei denen noch mehr schiefläuft als bei einem selber. Folgende Beobachtungen des vergangenen Wochenendes hält mein Notizzettel bereit:

Eltern mit Kleinkindern kleiden sich hierzulande nicht mehr attraktiv, sondern nur noch praktisch. Die Eleganz ist einer Art imprägnierten Resignation gewichen. Mit einer Brosche aus Halbverdautem am Kaschmirkleid schindet man nun mal keinen Eindruck. Darum tragen Kleinkindeltern abwaschbare Nutzklamotten in Form von Kartoffelsäcken. Deren Trägern es nichts ausmacht, wenn das äußere Erscheinungsbild Spuren von Hirsemüsli vor oder nach der Verdauung enthält. „Äh, warum klebt denn jetzt meine Hand? Was ist das?“ „Hm, vermutlich Schnodder oder magensaures Pastinakepüree. Du hast ja gerade mein Kind angefasst.“ Eltern von Kleinkindern entwickeln anderen Menschen gegenüber eine gewisse Rotzigkeit. Eine Mischung aus Abgeklärtheit und Angepisst sein (mental und tatsächlich). Das Wochenende gehört ja auch nicht mehr ihnen. Ein gutes Buch lesen. Oder mal die Sonntagszeitung. Oder ins Kino gehen – Matineevorstellung, haha! Oder ein YouTube-Video produzieren. Oder Brunch (wenn man sowas jemals mochte). VERGISS ES! Es ist vorbei! Das Kind muss raus an die frische Luft. Und alle müssen mit. Sagt meinen Beobachtungen zufolge in der Regel die Mutter. Bevor sie ein Kind hatte, hat dieselbe Frau am Wochenende gesoffen. Und geraucht. Und ausgeschlafen. Und eins hat sie nicht gemacht: Rausgehen. Aber jetzt! Sie ist Frischluftfanatikerin. Verdammte Hormone! Und wo wir gerade bei Müttern sind: Liebe Mütter – Entspannt euch. Es bringt nichts, dem Kind gefühlte zwei Stunden lang dieselbe und immer wieder dieselbe Frage zu stellen: „Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel?“ Wenn das Kind nicht antwortet, heißt das erstens: „Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung.“ und zweitens: „NEIN! NEIN! NEIN! NEIN! NEIN!“ Und an dieser Stelle kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Wenn das Kind Hunger hat und ein Apfelstückchen möchte, dann wird es sich melden. Mit Sicherheit wird es sich melden. Fragt meine Kratzspuren.

Gut und gerne leben – nur wo?

Frau Dr. M. ist ausgepfiffen worden. Und ausgebuht. Mal wieder Und nicht nur einmal, sie hat es sich gestern richtig gegeben. In zwei Orten nacheinander hat sie ein Bad im Shitstorm genommen. Zuerst in Torgau und für die Zugabe nochmal nebenan in Finsterwalde. Da, wo sich Aldi und McGeiz „Gute Nacht“ sagen. Überraschend wird das Getrillere für Frau Merkel nicht gewesen sein. Vermutlich hat sie sich darauf innerlich vorbereitet. Vielleicht ja auch mit Hilfe legaler Substanzen. Der Verkäufer der dafür nötigen großen Mengen Nerventonikums (oder Vollmilch-Nuss-Schokolade) ist jetzt ein reicher Mensch. Ich stelle mir vor, dabei gewesen zu sein. Als Einwohner von Torgau oder Finsterwalde. Der seit Jahren Rückbau und Sozialdämmerung inklusive Jugendflucht und Rollatorschwemme erlebt. Und allmählich das Bewusstsein herausbildet, insgesamt und landesweit sei alles sei nur noch schlimm schlimm schlimm. Weil er die tatsächlich vorhandenen Landesteile, in denen es läuft, nicht kennt. Und dann kommt dieses Wesen, das den ganz persönlichen Stillstand seit zwölf Jahren aus der Ferne verwaltet. Und dieses Wesen tritt unter dem Motto „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ auf dem Marktplatz auf. Dort, wo seit Jahren der Wochenmarkt aus immer weniger Buden besteht. Weil die Leute immer seltener auf dem Wochenmarkt einkaufen. Wo kein Weihnachtsmarkt mehr stattfindet, weil die Leute aus Geldgründen ihren Glühwein zuhause saufen. Genau dort steht jetzt eine riesige Bühne mit einer hochhausgroßen LED-Wand. Du hast noch nie in deinem Leben so eine leuchtende LED-Wand gesehen. Und schon gar nicht hier, in deinem tristen Ort. Ist das überhaupt eine LED-Wand? Oder ist das ein gerade gelandetes Ufo? Das Ding blendet richtig dolle. Was steht da drauf? „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Aha. ‚Welches soll das sein?‘, denkst du. Meins? Lebe ich hier gerne? Reicht mir mein netto, der mich mit billigen Schweinefleisch ruhigstellt, das billiger ist als mein billiges Bier? Und das beim Braten spritzend verschwindet, weil es ein Massenschnitzel ist, das nur aus Wasser besteht? Finde ich den mit Brettern verrammelten Bahnhof unseres Ortes toll, durch den mehr Züge durchrauschen als anhalten? Wo man sich nicht mal unterstellen kann, wenn es regnet? Finde ich das Kulturangebot unseres Ortes toll, das aus genau einer Tankstelle besteht? An der sich abends die wenigen Jugendlichen treffen, die zu verzagt sind, um wegzuziehen. In ein Deutschland, das vielleicht mit dem Slogan dort auf der LED-Wand gemeint sein könnte. Das muss das Deutschland sein, in dem die Leute leben, die so schlau waren, rechtzeitig aus meinem tristen Ort abzuhauen. Seitdem stimmt die Mischung nicht mehr. Seitdem gibt es keine Vorbilder mehr. Vielleicht ist aber auch ein Deutschland gemeint, dass derzeit als einzigen Ausweg aus dem Stillstand nur Straßenbau kennt. Der zu mehr Verkehr führt. Der wiederum mehr Verkehrstote fordert. Nein, ich habe nicht gegoogelt, ob hierzulande mehr Menschen durch Terrorismus sterben oder – dank einer vollkommen verfehlten Verkehrspolitik der Bundesregierung – unter LKWs begraben werden, die nahezu wöchentlich außerhalb jeder Kontrolle ins Stauende krachen. Brauch ich nicht googeln. Weiß ich auch so. Um diese gesellschaftlich akzeptierten Tode zu zählen, reicht ein Blick auf den Gruselnewsmix auf der GMX-Startseite. Darum fahre ich lieber mit dem Zug durch das „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Durch Funklöcher, die so groß sind wie das Saarland. Das sind zwölftausend Fußballfelder. Was ungefähr 80mal der Fläche von Finsterwalde entspricht. Ohne Eingemeindungen. Und ich sehe aus dem Fenster ein Deutschland, das aus immer mehr in den Wald wuchernden Eigenheimsiedlungen besteht. Die gebaut werden von Leuten, die sich das Geld dafür offensichtlich locker leisten können. Andererseits sehe ich auf den großen Bahnhöfen, wo noch Züge halten, ältere, abgerissene Menschen. Sie sind auf Schatzsuche. Sie werden immer fündig. Acht Cent für eine Pflandflasche stellen für sie eine konkrete Summe dar. Dafür lohnt es sich, geschickt mit der im Jackenärmel verborgenen Taschenlampe in versiffte Papierkörbe zu leuchten. Flink, gekonnt und unauffällig. Wie scheue Tiere, die man wirklich nur erblickt, wenn man sich auf die Lauer legt. Haben diese Leute auch ein Deutschland, in dem sie „gut und gerne leben“? Ist es das Deutschland, das ruhig und unaufgeregt auf den demographischen Wandel zu trödelt? Der ja laut Alexander ‚Sascha‘ Gauland ein „angeblicher demographischer Wandel“ ist, wie er in der sehr sehenswerten „Fahrbereitschaft“ mit Jörg Thadeusz im rbb weltfremd sagte.
Was also hätte ich gemacht, wenn auf dem Marktplatz meiner öden Kleinstadt plötzlich dieses Wesen aus einer mir verschlossenen Welt steht? Und sagt, alles wäre gut? Vermutlich hätte ich interessiert dem organisierten und von heimlichen Helfern dirigierten Trillerpfeifkonzert gelauscht. Und ich hätte gestaunt, dass dieses Wesen da vorn auf der Bühne eines jedenfalls offenbar besser kann als andere: einstecken. Aushalten. Aussitzen. Und aushalten können die Leute in Finsterwalde ja auch. Und wenn man von diesem Aushalten mal was zurückgeben kann, ist wieder ein bisschen Druck aus dem Kessel.
Und falls man noch nicht gänzlich innerlich emigriert ist, hört man in den Nachrichten Schnipsel aus Weltgegenden, in denen die Menschen jederzeit und ohne groß zu überlegen die Tragödie, die ihr Leben ist, nur zu gern gegen das triste Dasein in Finsterwalde eintauschen würden. Wenn man sie ließe. Wenn ihr Leben hier einen Sinn hätte. Wenn es nicht bestünde aus: verordneter Langeweile, Arbeitsverboten, vorgegaukelter Hoffnungmache, willkürlicher Abschiebung, gesetzlicher Willkür, gesetzlicher Ohnmacht und einem selbstbetrügerischen „Wir schaffen das“. Aber das ist eine ganz, ganz, ganz andere Geschichte.
Nein, sie müssen das nicht kommentieren.
 
 
Dieser Text ist mangels Interesse frei von folgenden Zusätzen: Alice Weidel (Steuerflucht und Dominastudio), Zuwanderung (Helene Fischer) und Heiko Maas (Ach, ach, ach).

Zu nah am Feuer

Weil es so schön ist und weil es dank YouTube geht, stelle ich hier in loser Reihenfolge meine Lieblings-Vollplaybackvideos aus deutschen 80er-Jahre-Musiksendungen vor. Selbstverständlich in viiiiiiel zu langen Einträgen. Also bitte nur lesen, wenn man Lebenszeit übrig hat. An der roten Ampel beispielsweise oder beim Zuparken einer Rettungsgasse. Wer sein Handy nur in die Hand genommen hat, weil er eine zehnsekündige Busfahrt nicht erträgt, ohne sein Facebookprofil zu checken, kann gleich zum nächsten Essensfoto oder Urlaubsselfie weiterscrollen. So!
Ich beginne meine Ausführungen mit „Zu nah am Feuer“. Eine Ballade, die Fragen aufwirft. Sie kochte 1984 mein 13jähriges unschuldiges Hirn weich, und zwar rund um die Uhr auf allen Radiosendern. Also allen beiden, nämlich NDR 2 und HR 3. Diese zwei dudelten morgens und nachmittags aus unserem Küchenradio in Sangerhausen im Bezirk Halle in der DDR. Hätten wir damals, im Jahr 1984, doch nur etwas mehr DDR-Radio gehört. Oder überhaupt mal DDR-Radio. Dann wäre ich nicht von diesem Song belästigt worden. Andererseits hätte ich nun auch nicht auf dieses Kleinod aus dem archivierten Westfernsehen hinweisen können. Also: der heute zu Recht oder zu Unrecht – aber auf jeden Fall (außer von mir) vergessene Stefan Waggershausen hatte mal drei Hits. Einer war „Zu nah am Feuer“. Diese seltsame Ballade sang der gute Mann 1984 zusammen mit der rasend schönen italienischen Sängerin und Komponistin Alice. Die einen fragen sich, wie dieser Inhaber eines ausdrucksarmen Dauerstudenten-Gesichtes überhaupt an die rattenscharfe Alice rangekommen ist. Die anderen fragen sich, mit welcher Körperöffnung Waggershausen überhaupt „singt“ beziehungsweise „raunt“ beziehungsweise „ausatmet“. Nörgeln tut er nicht, die Stelle des Nörgelsängers hielt 1984 schon Herbert Grönemeyer besetzt. Und tut das bis heute. Wir wollen uns nun dem Auftritt von Waggershausen und Alice im „wwf-Club“ nähern. Das war eine TV-Sendung im Vorabendprogramm des WDR, von deren Existenz ich erst nach dem Ende der DDR erfuhr, da wir in unserer kleinen Kuhle im östlichen Südharz kein WDR-Fernsehen empfangen konnten. Lediglich ARD, ZDF und die beiden uns niemals belügenden Fernsehsender des eigenen Staatsapparates. Und das auch nur täglich erst ab 16 Uhr. Nicht vormittags, nicht morgens, nur spätnachmittags und abends. Dazwischen: Nichts! Der pure Horror, selbst erlebt! Kann man gar nicht oft genug sagen. Aber zurück zum Thema: der Auftritt der beiden ist ein wunderbares Lehrbeispiel dafür, wie man auf der Bühne agieren soll, wenn Musik und Gesang vom Band kommen. Nämlich so, dass sogar die taube und blinde Großmutter hinterm Küchenofen merkt, dass bei diesem Auftritt nicht nur etwas faul ist, sondern alles. Doch beginnen wir mit der Band: schon eine Sekunde nach Start der Kassette mit dem Vollplayback merkt der Keyboarder, dass er hier ist, um zu arbeiten. Pflichtbewusst drückt er also zwei oder drei Tasten auf seiner Jugendlichenorgel. Das ist schön, aber man hört es nicht, da das Intro des bedeutungsschwangeren Anbaggerliedes von drei bis sieben brünftigen Gitarrenspuren zugekleistert wird. Als nächstes schwenkt der Kameramensch zum Schlagzeuger. Der Zuschauer weiß nicht, ob dieser Kriegsdienstverweigerer mit den schulterlangen Zotteln tatsächlich Schlagzeug spielt oder doch nur Xylophon übt, denn das Schlagzeug ist lediglich zu erahnen. Zweimal zuckt kurz ein Stock in die Höhe und das Instrument wackelt, obwohl es nicht geschlagen wurde, ja nicht einmal gestreichelt. Ein Rätsel. Doch der Schwenk geht weiter. Kurz kommt ein bärtiger Musiklehrertyp mit vorgeschnalltem Gitarrenhals ins Bild, der zynisch in die Kamera grinst – wohl um seine Schüler zu erschrecken. Er trägt Walkman-Kopfhörer. Vermutlich hört er damit gerade andere Musik, Klaus Lage vielleicht oder einen anderen sinnesverwandten Bartbesitzer. Doch nun folgt eine Überblendung und wir sehen, wie ein Vorhang eine gekachelte Bühne freigibt, die aussieht wie der Duschraum eines Pionierferienlagers. Darauf steht etwas, das die meisten vom Kreisverkehr ihrer Kleinstadt kennen: seltsame Kunst. Was ist das? Zusammengeklebte Kartons? Styropor? Plaste und Elaste aus Schkopau? Und was soll das? Steht das für die im Lied („Zu nah am Feuer“) besungene Gefühlsverirrung nach einer durchgesoffenen Nacht in einer westdeutschen Industriemetropole? Oder sehen so ordentlich gestapelte Styroporblöcke aus, wenn sie kurze Zeit „Zu nah am Feuer“ standen? Und warum liegt da ein durchsichtiger Sitzball rum? Symbolisiert das frei schwebende Ding den „Feierabend des Waschmaschinendesigners“? Wie auch immer. Der Gesang setzt ein. Man hört es, aber man sieht es nicht. Stefan „Der Haucher“ Waggershausen steht meilenweit von der Kamera entfernt, eine Hand in der Jackentasche. Mit der anderen hält er das Mikro. Und zwar exakt so, wie man auf einer Küchenfete ein Kölschglas hält, aus dem man schon seit einer halben Stunde trinken möchte, wozu man aber nicht kommt, weil man wie bekloppt auf die einzige Frau einredet, die ohne Freund auf die Fete gekommen ist. Man kennt das. Dieser durch nachlässige Benutzung viel zu weit vom seiner Gesangsluke (Mund) entfernte Schlagergesäuseleinsauger (Mikro) sagt uns: der Sänger weiß genau, was er tut. Nämlich den rechtschaffenden Zuschauer verulken. Das nun folgende CloseUp setzt die geschürzten Lippen des Gesangsausatmers ins Bild. Nun wird es überraschend. Alice erscheint. Sie hat sich die ganze Sendung über hinter einem großen weißen B versteckt und darf jetzt rauskommen. Sogar der öffentlich-rechtliche Beamte am Scheinwerfer wacht bereits eine Sekunde nach ihrem Gesangseinsatz auf und reißt die Flakfunzel zu ihrer Bühnenposition rüber, so dass aus dem Schatten, der soeben aus dem B glitt, tatsächlich die unfassbare Alice wird. Sie weiß genau, wo die Kamera steht und versucht augenblicklich, deren Linse mit der Kraft ihres glutheißen italienischen Blickes zum Schmelzen zu bringen. Und den Fernsehzuschauer zum zitternden Geständnis eines Verbrechens. Denn wann immer Alice den Blick auf einen richtet: man fühlt sich augenblicklich schuldig. Man ist sich nicht sicher, was man verbrochen hat (Seitensprung? Bonbondiebstahl? Steuerhinterziehung?), man ahnt nur: irgendwas war‘s mit Sicherheit. Sonst würde sie einen nicht so streng angucken. Und man möchte augenblicklich von ihr, und nur von ihr, zur Rechenschaft gezogen werden. Aber weiter im Lied. Der Text interessiert hier nicht weiter. Auch wenn man verstehen würde, was die beiden da singen, würde man es nicht verstehen. Interessant ist, dass jedes einzelne Augenbrauenhärchen von Alice mehr Bühnenpräsenz hat als ein ganzer Stefan Waggershausen. Der gleichermaßen gefühlsverwirrte wie nackensteife Gesangsteutone steht auf der kalt verkachelten Bühne, als wäre er ein Angeklagter in einem Kriegsverbrechertribunal. Während die heißblütige Lady aus dem Süden ratlos an ihm rumschmachtet, versucht Waggershausen, diese emotionsreduzierte Salzsäule, Teil der Bühnendeko zu werden. Und als ob das nicht schon komisch genug wäre, kommt nun noch das typische 80er-Jahre Saxophonsolo. Im kalten Krieg ging nichts ohne Saxophon. Weder Matratzenreklame noch Wetterbericht – wer Erfolg haben wollte, musste ein Pornosaxophon aufbieten. Nachdem bei Minute 2:53 kurz nochmal die nichtsnutzige, untätig in der Ecke rumstehende Beamtenband des WDR das Gesamtbild verunstaltet, krabbelt auf der Bühne der weiß gekleidete Saxophonist aus seinem weißen Plastikversteck. Und dieser Mensch ist ein Prachtexemplar der Vollplaybackkunst. Er bewegt sich nicht nur wie ein Sexfilmvorturner, er sieht auch wie einer aus. Seine Frisur und sein Schnauzbaut bilden zusammen mit dem Saxophon eine unzertrennliche Einheit. Hier haben Blasinstrument und Instrumentenbläser zueinander gefunden. Dieser dichte, schöne und dennoch schlanke und windschnittige Schnauzbart (vulgo: Rotzbremse, Schenkelbürste, Nasenrasen) würde auf jeder Taxifahrercompetition Jury- und Publikumspreis gewinnen. Traurigerweise sind während seines engagiert vorgegaukelten Pustesolos die beiden Sänger nicht zu sehen. Und man fragt sich neugierig: Was machen die gerade? Gnubbeln sie aneinander rum? Stehen sie nichtsnutzig in der Ecke? Täuschen sie Tanzbewegungen vor? Man wusste ja damals nicht, was man tun soll, wenn mal nichts los war. Heute würde man schnell checken, ob es was Neues auf WhatsApp gibt. Oder ein Selfie posten. Oder eins von Pamela Reif mit einem Emoji liken. Oder Schuhe bei Zalando bestellen. Hauptsache man langweilt sich nicht. Aber was zum Henker haben Stefan Waggershausen und Alice getan, als das Saxophon spielte? Wir werden es nie erfahren. Nur die Fernsehzuschauer, die Kameraleute, die stinkfaule Studioband und die beiden Interpreten selber kennen das große Geheimnis. Nur diese Leute wissen vermutlich auch, warum Stefan Waggershausen nach dem Saxophonsolo plötzlich auf Italienisch irgendwas von Torpedos singt. Und ob die bildhübsche, wie immer blendend frisierte Alice ihn überhaupt versteht. Und ob sie überhaupt weiß, was für einen Käse sie da trällern muss? Und überhaupt: ist ihr Mitwirken in dem seltsamen Song eine Art Bringschuld des auch damals schon chronisch klammen, seit Ewigkeiten fragwürdig regierten und mafiaverseuchten EG-Mitglieds Italien an den Zahlmeister BRD? Viele Fragen, keine Antworten. Nur ein verstörendes Video aus dem Jahre 1984.
Viel Spaß damit:
https://www.youtube.com/watch?v=pF3J5JesV60

Verzweiflung hat einen Namen: Altenburg

Gestern bin ich einfach mal so durch Altenburg in Thüringen gelaufen. Denn ich sehe mir gerne alte, kaputte Häuser an. Sie haben die klare Botschaft: „Nichts bleibt, wie es ist. Irgendwann hast auch du eine Vergangenheit, so jung du faltenfreier frecher Jungspund jetzt auch sein magst. Und diese Vergangenheit wird man dir ansehen. So wie mir jetzt. Du kommst da noch hin. Ich bin schon da, ich bin im Vorteil, haha!“ In Altenburg in Thüringen knallen einem das sehr viele Häuser an den Kopf. Mehr und eindrucksvoller als in anderen Orten. Wer einen Fetisch für naturgemachte Zerstörung hat und vielleicht praktischerweise nebenher noch praktizierender Goth ist, ist in Altenburg sowas von richtig. Mitten in der Stadt, gleich beim Bahnhof, stehen große Tropfsteinhöhlen mit Zwischenwänden, die mal herrschaftliche Villen waren. Vermutlich darf sie niemand mehr anfassen, da sie nun Fledermausreservate sind. Nicht erst seit gestern können Wind und Wetter mit diesen Häusern machen, was sie wollen. Seit zwei Jahrzehnten knuspern die Naturgewalten daran herum. Sie hauen Stücke aus dem Putz, feilen die Kanten der Ziegelsteine stumpf und säen Pflanzensamen in den vom Frost aufgesprengten Mörtel. Daraus wachsen dann Bäume, die bald schon Eigenbedarf für das Haus anmelden. Seit dem Versprechen der blühenden Landschaften geht das so. Helmut Kohl hatte Recht. Faszinierend ist der Gedanke, dass hier mal Menschen wohnten. Das ist angesichts der traurig vor sich hin erodierenden Gebäude nur eine vage Vermutung. Wo sind sie hin? Warum sind sie weg? Muss doch nicht sein, ist doch schön hier. Grün ist Altenburg, grüner als in der Bierreklame. Sehr hügelig und vor allem sehr schnuckelig. Aber auch sehr leer. Die Natur holt sich hier alles zurück, was nicht mehr bewohnt wird. Viele Menschen sind hier nicht unterwegs. Zu Fuß jedenfalls. In ihren Autos fahren sie hoch beschleunigt an mir vorbei. Sie wollen schnell hier durch oder schnell hier weg – ich weiß es doch auch nicht. Der Himmel ist grau, es regnet, und ich stehe in einer zerfallenden Innenstadt, die von der Lokalpolitik immer noch nicht aufgegeben wurde. Vermutlich aus Statistikgründen. Vermutlich, um den Untergang raus zu zögern. Altenburg wird gehalten! Die Häuserzeilen werden von den wenigen sehr intakten Gebäuden trotzig am Einsturz gehindert. Einige Menschen wohnen ja doch noch hier. Und kaufen im riesengroßen Edekamarkt ein. Dort registriere ich die unaufgesetzte Freundlichkeit der Angestellten. Sind sie zu jedem so freundlich oder nur zu mir, weil ich so nass vom Regen bin? Oder finde ich  das ungewöhnlich, weil ich in Berlin wohne? Schließlich darf man in der Hauptstadt der Rotzigkeit niemandem eine Sekunde zu lange ins Gesicht gucken, weil man sonst einen Schlag in die Fresse riskiert. Oder einen Sprung mit dem nackten Arsch in selbige. Und darum bin ich nicht nur dankbar, wenn mich jemand ohne Grund anlächelt. Ich möchte ihn sogar auf der Stelle heiraten. Oder sie. Oder es. Sehr freundlich sind die Leute in diesem Ort im traurigen Osten. Vielleicht, weil sie angesichts der Situation vor Ort Träume von einem besseren Leben haben? Träume, die sie von innen leuchten lassen? Ist nur eine Vermutung. Allerdings stelle ich auch bei meinen  Auftritten regelmäßig fest, dass die Stimmung in tristen, traurigen Orten sehr viel besser ist als in satten, wohlstandsverwöhnten Schimmercitys, wo die Leute in ihrem vielen Geld ersaufen. Und nun stehe ich hier im abrissfertigen Altenburg in diesem großen Lebensmittelmarkt mit diesen freundlichen Menschen. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur normal. Vielleicht kenne ich kein normales Verhalten mehr, weil ich in Berlin wohne. Hier in Altenburg, in diesem Edeka, der wie ein blaugelbes Raumschiff auf einem verlassenen Planeten gelandet ist, sind alle jederzeit bereit, eines der unfassbar vielen unfassbar vollen Regale wieder mit Ware zu bestücken, falls ein Kunde irgendein Produkt daraus entfernen sollte. Was für ein Widerspruch: die Stadt ist leer, die Regale sind voll. Der monströse Markt ist ein begehbarer Messestand, der mit der geballten Versorgungsfähigkeit der deutschen und europäischen Nahrungsmittelindustrie rumprotzt. Für jeden Geschmack, jeden Futterspleen, für jede Allergie und für jede Verweigerungshaltung gegenüber Gluten, Laktose oder Zucker hält der Monstermarkt passendes Essen bereit. Und passendes Trinken. Auch die Hamburger Hipsterbrause Fritz Kola hat es mit ihrem breiten Portfolio hierher in die Thüringer Provinz geschafft. Sogar hierher. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Zenit des Wachstums auch bei diesem voll korrekten Trendgetränk sicher überschritten wurde. Denn wer soll das metrosexuelle Zuckerwasser hier trinken? Hier wohnt doch so gut wie keiner mehr. Wo denn auch? Ich hab doch gesehen, dass hier nichts ist. Oder war ich einfach in den falschen Straßen unterwegs? Drei Stunden lang? In denen es passenderweise durchregnete? Den zerfallenden Osten muss man sich einfach bei Regen anschauen, sonst stimmt das Bild nicht. Mit durchgeweichten Schuhen komme ich am überraschend vital wirkenden Bahnhofsgebäude an. Direkt gegenüber hängen die müden Rollläden des selbstverständlich geschlossenen und leer stehenden Hotels „Europäischer Hof“ auf Halbmast. So als wollten sie sich für den Besuch auf dem Friedhof bedanken. Auf dem Friedhof, dessen Hausartige Grabsteine mal von Menschen bevölkert waren. An die nichts mehr erinnert, nichts. Und dabei habe ich nur einen kleinen Teil des Elends gesehen. Für die komplette Innenstadt fehlte mir die Zeit. Im Bahnhof hockt auf dem inneren Sims eines der mächtigen Fenster ein Mann in erwerbsfähigem Alter. Er nimmt dann und wann entspannt und unaufgeregt einen mittelgroßen Schluck aus einer Flasche Peffi-Likör. Dieses grüne anti-isotonische Trinkergetränk hat uns DDR-Jugendliche in den 80ern fit fürs Erwachsenenleben im tristen Sozialismus gemacht. Uns hat der Alkohol ernüchtert, haha. Und jetzt sitzt hier ein Mann, in Altenburg, dieser verlassenen Stadt, im Bahnhof, und trinkt das Zeug. Er wirkt nicht so, als müsste er einen Zug kriegen. Er wirkt eher so, als wäre der letzte Zug für ihn abgefahren. Trotz seiner Leidenschaft für toxischen Säufersirup wirkt er gepflegt. Aus der Reisetasche, in die er seinen grünen Freund nach dem Trinken stellt, klingt Musik. Abba: „Summer Night City“. Regen, verlassene Häuser, zerfallende Bausubstanz und dann das – alles passt. Aber das Sahnehäubchen auf diesem stimmigen Bild verlässlicher Abbruchstimmung ist die Ausstellung, die das Altenburger Lindenau-Museum gerade zeigt: „Palmyra – zerstörte Erinnerung“

Wenn nicht hier, wo dann?