Archiv des Autors: Nils Heinrich

Zu nah am Feuer

Weil es so schön ist und weil es dank YouTube geht, stelle ich hier in loser Reihenfolge meine Lieblings-Vollplaybackvideos aus deutschen 80er-Jahre-Musiksendungen vor. Selbstverständlich in viiiiiiel zu langen Einträgen. Also bitte nur lesen, wenn man Lebenszeit übrig hat. An der roten Ampel beispielsweise oder beim Zuparken einer Rettungsgasse. Wer sein Handy nur in die Hand genommen hat, weil er eine zehnsekündige Busfahrt nicht erträgt, ohne sein Facebookprofil zu checken, kann gleich zum nächsten Essensfoto oder Urlaubsselfie weiterscrollen. So!
Ich beginne meine Ausführungen mit „Zu nah am Feuer“. Eine Ballade, die Fragen aufwirft. Sie kochte 1984 mein 13jähriges unschuldiges Hirn weich, und zwar rund um die Uhr auf allen Radiosendern. Also allen beiden, nämlich NDR 2 und HR 3. Diese zwei dudelten morgens und nachmittags aus unserem Küchenradio in Sangerhausen im Bezirk Halle in der DDR. Hätten wir damals, im Jahr 1984, doch nur etwas mehr DDR-Radio gehört. Oder überhaupt mal DDR-Radio. Dann wäre ich nicht von diesem Song belästigt worden. Andererseits hätte ich nun auch nicht auf dieses Kleinod aus dem archivierten Westfernsehen hinweisen können. Also: der heute zu Recht oder zu Unrecht – aber auf jeden Fall (außer von mir) vergessene Stefan Waggershausen hatte mal drei Hits. Einer war „Zu nah am Feuer“. Diese seltsame Ballade sang der gute Mann 1984 zusammen mit der rasend schönen italienischen Sängerin und Komponistin Alice. Die einen fragen sich, wie dieser Inhaber eines ausdrucksarmen Dauerstudenten-Gesichtes überhaupt an die rattenscharfe Alice rangekommen ist. Die anderen fragen sich, mit welcher Körperöffnung Waggershausen überhaupt „singt“ beziehungsweise „raunt“ beziehungsweise „ausatmet“. Nörgeln tut er nicht, die Stelle des Nörgelsängers hielt 1984 schon Herbert Grönemeyer besetzt. Und tut das bis heute. Wir wollen uns nun dem Auftritt von Waggershausen und Alice im „wwf-Club“ nähern. Das war eine TV-Sendung im Vorabendprogramm des WDR, von deren Existenz ich erst nach dem Ende der DDR erfuhr, da wir in unserer kleinen Kuhle im östlichen Südharz kein WDR-Fernsehen empfangen konnten. Lediglich ARD, ZDF und die beiden uns niemals belügenden Fernsehsender des eigenen Staatsapparates. Und das auch nur täglich erst ab 16 Uhr. Nicht vormittags, nicht morgens, nur spätnachmittags und abends. Dazwischen: Nichts! Der pure Horror, selbst erlebt! Kann man gar nicht oft genug sagen. Aber zurück zum Thema: der Auftritt der beiden ist ein wunderbares Lehrbeispiel dafür, wie man auf der Bühne agieren soll, wenn Musik und Gesang vom Band kommen. Nämlich so, dass sogar die taube und blinde Großmutter hinterm Küchenofen merkt, dass bei diesem Auftritt nicht nur etwas faul ist, sondern alles. Doch beginnen wir mit der Band: schon eine Sekunde nach Start der Kassette mit dem Vollplayback merkt der Keyboarder, dass er hier ist, um zu arbeiten. Pflichtbewusst drückt er also zwei oder drei Tasten auf seiner Jugendlichenorgel. Das ist schön, aber man hört es nicht, da das Intro des bedeutungsschwangeren Anbaggerliedes von drei bis sieben brünftigen Gitarrenspuren zugekleistert wird. Als nächstes schwenkt der Kameramensch zum Schlagzeuger. Der Zuschauer weiß nicht, ob dieser Kriegsdienstverweigerer mit den schulterlangen Zotteln tatsächlich Schlagzeug spielt oder doch nur Xylophon übt, denn das Schlagzeug ist lediglich zu erahnen. Zweimal zuckt kurz ein Stock in die Höhe und das Instrument wackelt, obwohl es nicht geschlagen wurde, ja nicht einmal gestreichelt. Ein Rätsel. Doch der Schwenk geht weiter. Kurz kommt ein bärtiger Musiklehrertyp mit vorgeschnalltem Gitarrenhals ins Bild, der zynisch in die Kamera grinst – wohl um seine Schüler zu erschrecken. Er trägt Walkman-Kopfhörer. Vermutlich hört er damit gerade andere Musik, Klaus Lage vielleicht oder einen anderen sinnesverwandten Bartbesitzer. Doch nun folgt eine Überblendung und wir sehen, wie ein Vorhang eine gekachelte Bühne freigibt, die aussieht wie der Duschraum eines Pionierferienlagers. Darauf steht etwas, das die meisten vom Kreisverkehr ihrer Kleinstadt kennen: seltsame Kunst. Was ist das? Zusammengeklebte Kartons? Styropor? Plaste und Elaste aus Schkopau? Und was soll das? Steht das für die im Lied („Zu nah am Feuer“) besungene Gefühlsverirrung nach einer durchgesoffenen Nacht in einer westdeutschen Industriemetropole? Oder sehen so ordentlich gestapelte Styroporblöcke aus, wenn sie kurze Zeit „Zu nah am Feuer“ standen? Und warum liegt da ein durchsichtiger Sitzball rum? Symbolisiert das frei schwebende Ding den „Feierabend des Waschmaschinendesigners“? Wie auch immer. Der Gesang setzt ein. Man hört es, aber man sieht es nicht. Stefan „Der Haucher“ Waggershausen steht meilenweit von der Kamera entfernt, eine Hand in der Jackentasche. Mit der anderen hält er das Mikro. Und zwar exakt so, wie man auf einer Küchenfete ein Kölschglas hält, aus dem man schon seit einer halben Stunde trinken möchte, wozu man aber nicht kommt, weil man wie bekloppt auf die einzige Frau einredet, die ohne Freund auf die Fete gekommen ist. Man kennt das. Dieser durch nachlässige Benutzung viel zu weit vom seiner Gesangsluke (Mund) entfernte Schlagergesäuseleinsauger (Mikro) sagt uns: der Sänger weiß genau, was er tut. Nämlich den rechtschaffenden Zuschauer verulken. Das nun folgende CloseUp setzt die geschürzten Lippen des Gesangsausatmers ins Bild. Nun wird es überraschend. Alice erscheint. Sie hat sich die ganze Sendung über hinter einem großen weißen B versteckt und darf jetzt rauskommen. Sogar der öffentlich-rechtliche Beamte am Scheinwerfer wacht bereits eine Sekunde nach ihrem Gesangseinsatz auf und reißt die Flakfunzel zu ihrer Bühnenposition rüber, so dass aus dem Schatten, der soeben aus dem B glitt, tatsächlich die unfassbare Alice wird. Sie weiß genau, wo die Kamera steht und versucht augenblicklich, deren Linse mit der Kraft ihres glutheißen italienischen Blickes zum Schmelzen zu bringen. Und den Fernsehzuschauer zum zitternden Geständnis eines Verbrechens. Denn wann immer Alice den Blick auf einen richtet: man fühlt sich augenblicklich schuldig. Man ist sich nicht sicher, was man verbrochen hat (Seitensprung? Bonbondiebstahl? Steuerhinterziehung?), man ahnt nur: irgendwas war‘s mit Sicherheit. Sonst würde sie einen nicht so streng angucken. Und man möchte augenblicklich von ihr, und nur von ihr, zur Rechenschaft gezogen werden. Aber weiter im Lied. Der Text interessiert hier nicht weiter. Auch wenn man verstehen würde, was die beiden da singen, würde man es nicht verstehen. Interessant ist, dass jedes einzelne Augenbrauenhärchen von Alice mehr Bühnenpräsenz hat als ein ganzer Stefan Waggershausen. Der gleichermaßen gefühlsverwirrte wie nackensteife Gesangsteutone steht auf der kalt verkachelten Bühne, als wäre er ein Angeklagter in einem Kriegsverbrechertribunal. Während die heißblütige Lady aus dem Süden ratlos an ihm rumschmachtet, versucht Waggershausen, diese emotionsreduzierte Salzsäule, Teil der Bühnendeko zu werden. Und als ob das nicht schon komisch genug wäre, kommt nun noch das typische 80er-Jahre Saxophonsolo. Im kalten Krieg ging nichts ohne Saxophon. Weder Matratzenreklame noch Wetterbericht – wer Erfolg haben wollte, musste ein Pornosaxophon aufbieten. Nachdem bei Minute 2:53 kurz nochmal die nichtsnutzige, untätig in der Ecke rumstehende Beamtenband des WDR das Gesamtbild verunstaltet, krabbelt auf der Bühne der weiß gekleidete Saxophonist aus seinem weißen Plastikversteck. Und dieser Mensch ist ein Prachtexemplar der Vollplaybackkunst. Er bewegt sich nicht nur wie ein Sexfilmvorturner, er sieht auch wie einer aus. Seine Frisur und sein Schnauzbaut bilden zusammen mit dem Saxophon eine unzertrennliche Einheit. Hier haben Blasinstrument und Instrumentenbläser zueinander gefunden. Dieser dichte, schöne und dennoch schlanke und windschnittige Schnauzbart (vulgo: Rotzbremse, Schenkelbürste, Nasenrasen) würde auf jeder Taxifahrercompetition Jury- und Publikumspreis gewinnen. Traurigerweise sind während seines engagiert vorgegaukelten Pustesolos die beiden Sänger nicht zu sehen. Und man fragt sich neugierig: Was machen die gerade? Gnubbeln sie aneinander rum? Stehen sie nichtsnutzig in der Ecke? Täuschen sie Tanzbewegungen vor? Man wusste ja damals nicht, was man tun soll, wenn mal nichts los war. Heute würde man schnell checken, ob es was Neues auf WhatsApp gibt. Oder ein Selfie posten. Oder eins von Pamela Reif mit einem Emoji liken. Oder Schuhe bei Zalando bestellen. Hauptsache man langweilt sich nicht. Aber was zum Henker haben Stefan Waggershausen und Alice getan, als das Saxophon spielte? Wir werden es nie erfahren. Nur die Fernsehzuschauer, die Kameraleute, die stinkfaule Studioband und die beiden Interpreten selber kennen das große Geheimnis. Nur diese Leute wissen vermutlich auch, warum Stefan Waggershausen nach dem Saxophonsolo plötzlich auf Italienisch irgendwas von Torpedos singt. Und ob die bildhübsche, wie immer blendend frisierte Alice ihn überhaupt versteht. Und ob sie überhaupt weiß, was für einen Käse sie da trällern muss? Und überhaupt: ist ihr Mitwirken in dem seltsamen Song eine Art Bringschuld des auch damals schon chronisch klammen, seit Ewigkeiten fragwürdig regierten und mafiaverseuchten EG-Mitglieds Italien an den Zahlmeister BRD? Viele Fragen, keine Antworten. Nur ein verstörendes Video aus dem Jahre 1984.
Viel Spaß damit:
https://www.youtube.com/watch?v=pF3J5JesV60

Verzweiflung hat einen Namen: Altenburg

Gestern bin ich einfach mal so durch Altenburg in Thüringen gelaufen. Denn ich sehe mir gerne alte, kaputte Häuser an. Sie haben die klare Botschaft: „Nichts bleibt, wie es ist. Irgendwann hast auch du eine Vergangenheit, so jung du faltenfreier frecher Jungspund jetzt auch sein magst. Und diese Vergangenheit wird man dir ansehen. So wie mir jetzt. Du kommst da noch hin. Ich bin schon da, ich bin im Vorteil, haha!“ In Altenburg in Thüringen knallen einem das sehr viele Häuser an den Kopf. Mehr und eindrucksvoller als in anderen Orten. Wer einen Fetisch für naturgemachte Zerstörung hat und vielleicht praktischerweise nebenher noch praktizierender Goth ist, ist in Altenburg sowas von richtig. Mitten in der Stadt, gleich beim Bahnhof, stehen große Tropfsteinhöhlen mit Zwischenwänden, die mal herrschaftliche Villen waren. Vermutlich darf sie niemand mehr anfassen, da sie nun Fledermausreservate sind. Nicht erst seit gestern können Wind und Wetter mit diesen Häusern machen, was sie wollen. Seit zwei Jahrzehnten knuspern die Naturgewalten daran herum. Sie hauen Stücke aus dem Putz, feilen die Kanten der Ziegelsteine stumpf und säen Pflanzensamen in den vom Frost aufgesprengten Mörtel. Daraus wachsen dann Bäume, die bald schon Eigenbedarf für das Haus anmelden. Seit dem Versprechen der blühenden Landschaften geht das so. Helmut Kohl hatte Recht. Faszinierend ist der Gedanke, dass hier mal Menschen wohnten. Das ist angesichts der traurig vor sich hin erodierenden Gebäude nur eine vage Vermutung. Wo sind sie hin? Warum sind sie weg? Muss doch nicht sein, ist doch schön hier. Grün ist Altenburg, grüner als in der Bierreklame. Sehr hügelig und vor allem sehr schnuckelig. Aber auch sehr leer. Die Natur holt sich hier alles zurück, was nicht mehr bewohnt wird. Viele Menschen sind hier nicht unterwegs. Zu Fuß jedenfalls. In ihren Autos fahren sie hoch beschleunigt an mir vorbei. Sie wollen schnell hier durch oder schnell hier weg – ich weiß es doch auch nicht. Der Himmel ist grau, es regnet, und ich stehe in einer zerfallenden Innenstadt, die von der Lokalpolitik immer noch nicht aufgegeben wurde. Vermutlich aus Statistikgründen. Vermutlich, um den Untergang raus zu zögern. Altenburg wird gehalten! Die Häuserzeilen werden von den wenigen sehr intakten Gebäuden trotzig am Einsturz gehindert. Einige Menschen wohnen ja doch noch hier. Und kaufen im riesengroßen Edekamarkt ein. Dort registriere ich die unaufgesetzte Freundlichkeit der Angestellten. Sind sie zu jedem so freundlich oder nur zu mir, weil ich so nass vom Regen bin? Oder finde ich  das ungewöhnlich, weil ich in Berlin wohne? Schließlich darf man in der Hauptstadt der Rotzigkeit niemandem eine Sekunde zu lange ins Gesicht gucken, weil man sonst einen Schlag in die Fresse riskiert. Oder einen Sprung mit dem nackten Arsch in selbige. Und darum bin ich nicht nur dankbar, wenn mich jemand ohne Grund anlächelt. Ich möchte ihn sogar auf der Stelle heiraten. Oder sie. Oder es. Sehr freundlich sind die Leute in diesem Ort im traurigen Osten. Vielleicht, weil sie angesichts der Situation vor Ort Träume von einem besseren Leben haben? Träume, die sie von innen leuchten lassen? Ist nur eine Vermutung. Allerdings stelle ich auch bei meinen  Auftritten regelmäßig fest, dass die Stimmung in tristen, traurigen Orten sehr viel besser ist als in satten, wohlstandsverwöhnten Schimmercitys, wo die Leute in ihrem vielen Geld ersaufen. Und nun stehe ich hier im abrissfertigen Altenburg in diesem großen Lebensmittelmarkt mit diesen freundlichen Menschen. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur normal. Vielleicht kenne ich kein normales Verhalten mehr, weil ich in Berlin wohne. Hier in Altenburg, in diesem Edeka, der wie ein blaugelbes Raumschiff auf einem verlassenen Planeten gelandet ist, sind alle jederzeit bereit, eines der unfassbar vielen unfassbar vollen Regale wieder mit Ware zu bestücken, falls ein Kunde irgendein Produkt daraus entfernen sollte. Was für ein Widerspruch: die Stadt ist leer, die Regale sind voll. Der monströse Markt ist ein begehbarer Messestand, der mit der geballten Versorgungsfähigkeit der deutschen und europäischen Nahrungsmittelindustrie rumprotzt. Für jeden Geschmack, jeden Futterspleen, für jede Allergie und für jede Verweigerungshaltung gegenüber Gluten, Laktose oder Zucker hält der Monstermarkt passendes Essen bereit. Und passendes Trinken. Auch die Hamburger Hipsterbrause Fritz Kola hat es mit ihrem breiten Portfolio hierher in die Thüringer Provinz geschafft. Sogar hierher. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Zenit des Wachstums auch bei diesem voll korrekten Trendgetränk sicher überschritten wurde. Denn wer soll das metrosexuelle Zuckerwasser hier trinken? Hier wohnt doch so gut wie keiner mehr. Wo denn auch? Ich hab doch gesehen, dass hier nichts ist. Oder war ich einfach in den falschen Straßen unterwegs? Drei Stunden lang? In denen es passenderweise durchregnete? Den zerfallenden Osten muss man sich einfach bei Regen anschauen, sonst stimmt das Bild nicht. Mit durchgeweichten Schuhen komme ich am überraschend vital wirkenden Bahnhofsgebäude an. Direkt gegenüber hängen die müden Rollläden des selbstverständlich geschlossenen und leer stehenden Hotels „Europäischer Hof“ auf Halbmast. So als wollten sie sich für den Besuch auf dem Friedhof bedanken. Auf dem Friedhof, dessen Hausartige Grabsteine mal von Menschen bevölkert waren. An die nichts mehr erinnert, nichts. Und dabei habe ich nur einen kleinen Teil des Elends gesehen. Für die komplette Innenstadt fehlte mir die Zeit. Im Bahnhof hockt auf dem inneren Sims eines der mächtigen Fenster ein Mann in erwerbsfähigem Alter. Er nimmt dann und wann entspannt und unaufgeregt einen mittelgroßen Schluck aus einer Flasche Peffi-Likör. Dieses grüne anti-isotonische Trinkergetränk hat uns DDR-Jugendliche in den 80ern fit fürs Erwachsenenleben im tristen Sozialismus gemacht. Uns hat der Alkohol ernüchtert, haha. Und jetzt sitzt hier ein Mann, in Altenburg, dieser verlassenen Stadt, im Bahnhof, und trinkt das Zeug. Er wirkt nicht so, als müsste er einen Zug kriegen. Er wirkt eher so, als wäre der letzte Zug für ihn abgefahren. Trotz seiner Leidenschaft für toxischen Säufersirup wirkt er gepflegt. Aus der Reisetasche, in die er seinen grünen Freund nach dem Trinken stellt, klingt Musik. Abba: „Summer Night City“. Regen, verlassene Häuser, zerfallende Bausubstanz und dann das – alles passt. Aber das Sahnehäubchen auf diesem stimmigen Bild verlässlicher Abbruchstimmung ist die Ausstellung, die das Altenburger Lindenau-Museum gerade zeigt: „Palmyra – zerstörte Erinnerung“

Wenn nicht hier, wo dann?

Hinter den Kulissen des Bühnenhumors

Oft beneide ich den Zuschauer ja nicht. Ganz besonders beneide ich den Zuschauer nicht, weil ich weiß, dass er die wirklich hörenswerten Dinge einer Comedymixshow nicht zu hören kriegt. Ich meine Klatsch, Tratsch und Branchengeheimnisse, die fünf ausgewachsene Altcomedians Backstage im Quatsch Comedy Club von sich geben. Zwei Westfalen, ein Ösi, ein Ossi und ein Kölner. Fünf reife Herren, jeder für sich zu alt für Nigthwash, aber noch gerade gut genug für den Quatsch Comedy Club, das Gut Aiderbichl für Comedians, den Gnadenhof für Humoristen. Herrlich zu sehen, welche hasserfüllten Stories über diesen einen branchenbekannten Zeitgeist-Comedian aus jedem einzelnen rausbrechen. Es sind schadenfrohe Schilderungen dabei, die von Buh-Rufen im Publikum handeln, während der allseits überschätzte Heiopei auf der Bühne stand. Hochunterhaltsam auch die bunt ausgeschmückten Augenzeugenberichte über Zornattacken langjähriger Bühnenprofis, die an die Decke gehen wie ein Schnellkochtopf, weil sie ein kleiner YouTube-Kasper mit dem Ego eines Mon Cherie-süchtigen Gebrauchtwagenverkäufers direkt im Bühnenaufgang darüber aufklären will, was auf der Bühne funktioniert und was nicht. Erwähnen möchte ich auch kurz die ausführlichen Augenzeugenberichte über handfesten Garderobenkrach bezüglich vermeintlich politischer Einstellungen „von euch alten AfD-Kabarettisten“, die so spannend sind, dass Popcorn gereicht wird. Nicht vergessen möchte ich auch die süße Attitüde einer viel zu schnell nach oben gespülten Witzeverhasplerin aus dem Privatfernsehen, die auf der Bühne großzügig ihr Zeitlimit neu auslegt, weil sie dank der ihr verliehenen Massenmediumsallmacht meint, das Publikum sei selbstverständlich ausschließlich wegen ihr da. Fröhlich lockeres von Herzen ablästern, mit der Gelassenheit abgebrühter Zirkuspferde, die alles, wirklich alles schon gesehen haben. Die auch schon diverse Male von Shootingstars überholt wurden, nur um etwas später ganz entspannt wieder an den Opfern des Haifischbeckens Deutsche Comedy vorbeizuziehen. Das alles findet hinter der Bühne statt. Aber nicht immer. Man muss schon Glück haben und live dabei sein. Denn meistens passiert ja backstage gar nichts. Außer dem Öffnen einer Wasserflasche (still) hört man auch kein Geräusch. Aber wenn es der Spielleitung durch ein wirklich außerordentlich glückliches Händchen bei der Künstlerauswahl gelang, einen Kabarettisten mit dem Charme einer lodernden Fackel und einen Comedian mit den Eigenschaften eines übervollen Benzinfasses zusammen in die Show zu buchen, wird es grandios. Nicht für den Zuschauer. Sondern für die anderen Auftretenden, die in den Katakomben des Friedrichstadtpalastes den besten Teil der Show sehen dürfen und dafür sogar noch Gage bekommen. Alles live. Keine Kamera läuft. Lediglich die Dabeigewesenen können der Nachwelt berichten, was vorfiel. Herrlich. Der Masse im Saal bleibt der Zickenkrieg im Hinterzimmer des Humorbergwerkes leider leider verborgen. Und darum beneide ich die Zuschauer nicht. Am allerbesten ist jetzt natürlich, dass ich hier leider leider keine Namen nennen darf. Haha!
Aber das allerschönste ist die Tatsache, endlich mal wieder auf Bühnenkollegen zu treffen, die noch wissen, wie man sich miteinander unterhält. Die sich nicht ausschließlich dem Smartphonegestützten Tuning ihrer Followerzahl widmen. Weil ihnen die Show und die Kollegen und das ganze drum herum kackegal sind. Dabei wird die sogenannte Followerzahl von Facebook selber manipuliert, dass weiß ich. Steht alles im Illuminaten-Newsletter, den ich abonniert habe. Ich zum Beispiel habe nicht mehr als 23 Follower, aber Facebook macht mir weiß, ich hätte mehr. Mir ist das aber ganz egal. Und den gerade mit mir auftretenden alten Säcken auch. Keiner von denen hat ohne Unterlass seinen „digitalen Diktator“ (Harald Lesch) in der Pfote.
Der Grund dafür ist vielleicht aber auch einfach, dass im Backstage des Quatsch Comedy Clubs zu Berlin der Handyempfang sauschlecht ist. Und das WLAN keinen Deut besser.
Und das ist auch gut so.
Mal abgesehen von meinem Branchengesabbel lohnt sich der Besuch im Quatsch Comedy Club Berlin diese Woche (noch bis Sonntag) ganz besonders, denn die Kollegen sind sehr witzig. Witziger als sonst. Als die anderen sonst. Ehrlich! Darum war‘s gestern auch nahezu ausverkauft. Am Donnerstag. Es gibt noch Wunder!

P.S: Das Foto zeigt mich mit der Tapetenpamela an der Wand meiner Garderobe. Ich versuche so zu gucken wie Donald Trump, wenn er gleich vom Teleprompter abliest, wenn er fotografiert wird, wenn er gerade mal wieder sauer auf die Russen, das FBI und Hillary ist, wenn Melania seine Hand wegschlägt und eigentlich immer.

Bald schon ist Urlaubszeit

Es ist Montag. Dies nur zur Info an jene, die diese  Zeilen am Mittwoch lesen. Zur Abwechslung hat heute mal nicht der Spiegel Hitler auf dem Titel, sondern die BILD. Nazis tummeln sich am Ballermann, schlagzeilt das Massenblatt. Wer es nicht weiß: der Ballermann ist ein Beklopptengehege mit Beklopptenmusik und Beklopptengehabe und bekloppten Straßennamen auf der Insel Mallorca, weit vor den Toren der Hauptstadt Palma. Der Ballermann zieht laute und lästige Menschenmassen an wie Gammelfleisch die Billiggourmets. Vor einigen Jahren habe ich drei Monate auf „Malorza“ gelebt und gearbeitet, und mich in dieser Zeit nicht einmal an den Ballermann verirrt. Weil da nun mal meiner Meinung nach besonders viele laute unangenehme Betrunkene herumtollen. Und nun also auch ganz wertvolle Herrenmenschen. Die ihr Tausendjährigsein offen und ungestört mit Herrentittentattoos feiern. Und dabei braun werden. Und sie tragen T-Shirts, auf dem das einschlägige indische Sonnenwendesymbol prankt. Ein Label, dessen Ursprung so Urdeutsch ist wie Spargel, Tomate und Sushi. Nazialarm auf einer spanischen Insel. Schon komisch. Da wird jahrelang gefordert „Nazis raus“ – und kaum sind sie draußen, ist es auch wieder nicht richtig. Verdammt verrückt, diese Welt. Während im Land der Bundestagswahlkampf tobt – kleiner Witz – und sich alle wie doll auf vier weitere Jahre Merkel freuen – noch ein kleiner Witz – trotzdem es so viele Alternativen gibt – schon wieder ein Witz – ziehe ich kurz Bilanz. Die Frau gegenüber im ICE heißt Bea. Das weiß ich, weil sie gerade den Hotspot ihres iPhones aktiviert hat, dessen Name mein Laptop mir verriet. Mit dem ich ins Netz ging, um nur mal aus Interesse die Preise für Eigentumswohnungen in Bünde zu checken. Die überraschend hoch sind, trotzdem ich mich beim Gang durch die Bünder Innenstadt ziemlich erschreckt habe. Das sage ich, trotzdem ich neulich in Gera und Plauen war. Inmitten von Bünde: Leerstand, Leerstand, Leerstand. Nebenan in Porta Westfalica sieht es nicht besser aus, zumindest bezogen auf zwei dortige Hotels (ein schönes Foto hab ich beigefügt). „Für Depressionen gibt es Gründe. Und Bünde.“ Ein Spruch, mit dem ich mir auf der Bühne in Bünde viele Freunde gemacht habe. Mal sehen, ob einer von denen bei meinem Sologastspiel am 6. Oktober wiederkommt. Vielleicht hat man mir meine kleine Nettigkeit bis dahin aber verziehen. Nun ist es so:

Auch der Humorfacharbeiter braucht mal Urlaub. Im Juli und August nehme ich mir Zeit, die anstehende Mückenplage voll auszukosten. Bei Müßiggang und Bespaßung der selbstgemachten Kinder wird der ein oder andere Gedankenhonig geimkert. Daraus backe ich dann schöne neue Inhalte für das im Jahr 2018  kommende Bühnenprogramm. Ab Herbst 2017 kann man in den letzten Aufführungen des preisgekrönten Programms „Mach doch’n Foto davon“ sicherlich in neue Nummern reinhören. Wer ganz genau aufpasst, bekommt den schleichenden Übergang vom alten Programm ins neue Programm präzise mit und kann ihn nachsprechen. Kann sein, dass ich am 13. August beim Open Flair (Yeah!) in Eschwege auch schon neue Highlights austeste. Und im November bereits bin ich auch mal wieder im Fernsehen: Die Anstalt und Kanzleramt Pforte D haben angefragt. Mich! Vermutlich, weil Torsten Sträter gerade mal keine Zeit hat. Und nun lasse ich den ICE-Piloten (Gott) einen guten Mann sein, recke und strecke mich und döse den Pre-Sommerpausegigs in Berlin, Esslingen und Düsseldorf entgegen.

Tschö mit Öh!

Fernsehen aus der Zeitmaschine

Thomas Gottschalk hat eine, nun ja, neue Show auf RTL. Sie heißt „Mensch Gottschalk“, kam (zum zweiten Mal nach der ersten Ausgabe im letzten Jahr) am Sonntag, dem 28. Mai um 20.15 Uhr und dauerte drei Stunden. Eine Woche zuvor sendete RTL auf diesem Sendeplatz eine Show mit Thomas Gottschalk. Nicht lange davor lief auf Sat.1 am Sonntag eine Show mit Thomas Gottschalk. Drei Ausgaben lang. Die drei verschiedenen Formate auf zwei verschiedenen Sendern am hinterletzten Tag der Woche hatten unterschiedliche Inhalte. Nämlich Thomas Gottschalk und kleine Kinder, Thomas Gottschalk und Günther Jauch feat. Barbara Schöneberger und Thomas Gottschalk mit irgendwelchen Prominenten und Helene Fischer. Alle drei Formate hatten eins gemeinsam: eine ziemlich miserable Einschaltquote – gemessen an der Strahlkraft, die der Moderator und TV-Mittelpunkt einst besaß. Richtig: besaß. Doch nun ist diese Strahlkraft stark gedimmt. In den späten 80ern und den frühen 90ern bis hin zum zweiten Drittel des Techno-Pleistozäns war ich Gottschalk-Fan. Ich guckte Wetten Dass – aber nur als VHS-Aufzeichnung bei einem Freund mit Recorder, damit ich bei den doofen Wetten und den meisten Musikgästen immer vorspulen konnte. Ich wollte lediglich sehen, welche Sprüche Gottschalk wieder raushaut. Mit welcher Rotzigkeit er Leinwandgötter aus Hollywood anmacht oder Sportler oder Politiker oder Sänger oder sonstige Clowns, die auf dem Sofa irgendeiner Mehrzweckhalle irgendeiner mittelgroßen Stadt Volksnähe probten und Lockerheit simulierten, in der zwei Tage nach der Fernsehshow wieder eine Kaninchenmesse stattfinden würde. Gottschalks Plappermaul lockte mich auch vor die Glotze, als er eine wöchentliche Show auf RTL bekam, sie wurde Anfang der 90er auf RTL gesendet. Weil wohl die Quoten mangels Sendervielfalt damals akzeptabel schienen, machte RTL, der damals erfolgreichste Privatsender Nachwendedeutschlands, aus dieser wöchentlichen Sendung eine tägliche: „Gottschalk Late Night“. Die guckte ich dann nicht mehr, weil ich wochentags beruflich früh raus musste (halb sechs!). Wegen seines Wechsels zu RTL nahm das ZDF Gottschalk die Moderation von Wetten Dass weg. Damals existierte noch eine innerdeutsche Grenze zwischen öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Privatfernsehen. Man wusste, welcher Star (Kai Pflaume) wo moderierte (Sat.1) und welcher Sender welche Inhalte sendete. Man wusste, wo der Quatsch lief und wo der Anspruch einlud. Das ist lange her. Heute kann man beispielsweise das Erste nur noch am Logo oben in der Bildschirmecke erkennen, aber nicht mehr an den Moderatoren (Kai Pflaume). Plötzlich geschah etwas Unerhörtes: Gottschalk kehrte zum ZDF zurück und blieb gleichzeitig bei RTL. Es kam damals einer Revolution gleich, einem Sturz der Monarchie, dass Gottschalk trotz seiner Late-Show auf RTL zum ZDF zurückkehrte. Der große Dampfer Wetten Dass war von einem inkompetenten Kapitän aus den fünf neuen Bundesländern gefährlich nahe an eine Sandbank manövriert worden. Kurz vorm Kentern tauschte man den Hänfling aus der Zone gegen einen weltläufigen Kapitän mit internationaler Hochseeerfahrung aus, der sich auf der Brücke sehr gut auskannte: Thomas Gottschalk. Der Mann war im goldenen Zeitalter des Privatfernsehens bei RTL zum Superstar gereift, er hatte mittlerweile absolute Narrenfreiheit. Er konnte also im ZDF Wetten Dass moderieren und direkt danach auf RTL (meistens als Aufzeichnung) seine Late-Night. Zeitgleich machte er auf Sat.1 Reklame für Gummibärchen. Seine Late-Night kam damals sogar Samstags. Ich erinnere mich daran, dass einmal beide Sendungen, also Wetten Dass und später die Late Night, live liefen. Und weil das noch nicht dreist genug war, machte Gottschalk sogar in der betreffenden Wetten Dass-Ausgabe Werbung dafür, nach dem Abspann umzuschalten und ihm auf RTL bei seiner anderen Sendung – wie gesagt ebenfalls live (ich glaube aus irgendeinem Mehrzweckpuff in Mannheim) – zuzuschauen. Sogar zwei Gäste aus Wetten Dass nahm er mit: Harald Juhnke und Lothar Matthäus. Jawoll, solcher unnützer Gedankenschrott liegt tief im Speicherplatz meines Hirns verborgen. Andere mögen sich an bestimmte Floskeln in Neujahrsansprachen oder Absätze in damals verabschiedeten Gesetzen erinnern, oder an Wahlergebnisse der Grünen – meine Welt waren Fernsehsendungen. Also bestimmte Fernsehsendungen. Also die mit Gottschalk. Er war ein Vorbild für mich. Ich wollte sein wie er. Darum kann ich es auch tolerieren, obgleich ich es nicht verstehe, wenn junge Leute heute sein wollen wie Mario Barth. Sie wollen das, weil sie mit ihm aufgewachsen sind und weil sie nichts anderes kennen. Aber zurück zum blonden Riesen. Das, was jetzt gerade auf RTL und kurz zuvor auf Sat.1 mit ihm geschah, ist bedauernswert, aber lässt sich nicht ändern. Gerade „Mensch Gottschalk“, wo ich zweimal reinzappte, zeigte mir, dass der Showzug auf freier Strecke stehengeblieben ist und nicht weiterfährt. Der einstmalige Strahlemann Gottschalk ist unglaubliche 67 Jahre alt. Seine Zeit waren die 60er, die 70er und 80er. Sowas hat jeder, bei mir sind es die 80er und 90er, deren Musik aus meiner Anlage blubbert und deren CDs (selbst gekauft, brennen gab‘s noch nicht) in meinem Regal stehen. Bei mir ist das musikalische Befinden allerdings Privatsache, ich störe damit niemanden. Außer vielleicht meine Frau. Bei Gottschalk ist es aber wie mit einem alten James Bond, wenn der plötzlich zur Primetime auf Pro Sieben liefe. Man sähe sofort, dass das vorn und hinten nicht stimmt, dass es nicht passt, dass es ruckelt, knistert und zwickt. Und knirscht. Und pappig und muffig schmeckt. Weil die Zeiten sich geändert haben. Man sieht es an der Attitüde, an den Frisuren, an den Getränken und an der Frequenz der Flachlegoptionen, die der Superagent damals hatte. Bei Gottschalk hört man es an den Formulierungen, die er verwendet. Und an den Verhedderungen. Etwa, wenn er versucht, aus einer Gesprächssimulation mit Carolin Kebekus über Gleichberechtigung (nicht sein Thema) die Brücke zu schlagen zur Band Aerosmith, deren zwei faltig-agile Chefs live auf einen Plausch im Studio vorbeikamen. Ganz am Ende dieses Auftritts führte Gottschalk dann auch auch dem letzten Zuschauer die Antiquiertheit des Konzepts seiner RTL-Show vor Augen. Kurz vor der Verabschiedung zeigte er den beiden darüber offensichtlich länger nachgrübelnden Bossen von Aerosmith auf der Leinwand hinter dem Sofa ein Standbild aus den Simpsons. Mit Aerosmith als Gästen. Jeder kennt die Simpsons. Also wirklich jeder. Außer vielleicht meine Mutter. Und jeder, der sie kennt, weiß, dass so ziemlich jedes Popkulturphänomen schon in den Simpsons behandelt wurde. Dazu zählen Schauspieler (die von sich selbst vertont werden), Lego-Steine (es gab mal eine komplette Folge aus Lego) und selbstverständlich auch Sänger oder Bands. Ich glaube, es gibt keine Band, die noch nicht in den Simpsons auftauchte. Ich glaube, alles was stattfindet, taucht in den Simpsons auf. Wer nicht in den Simpsons auftaucht, den gibt es schlicht nicht. Gottschalk trompetete trotz dieser Gewissheit den vollkommenen Blödsatz raus: „Wer in den Simpsons landet, der hat es geschafft.“ Und das war absoluter Quatsch. Stand aber leider sinnbildlich für die ganze Sendung und für alle anderen traurigen Versuche, mit dem einstigen Phänomen Gottschalk weiterhin Quote machen zu wollen. Der Mann ist fit und er twittert jetzt auch ganz lustig, aber er ist in seiner Zeit stehen geblieben. Er ist ein bewundernswerter Plauderer und  Stimmungsaufheller. Aber auch er ist, wie einfach alles heute, nur noch Nische. Kein Massenphänomen mehr. Das muss man akzeptieren. Seine große Zeit ist vorbei und wird nie wieder zurückkommen und sie ist vor allem im Fernsehen abgelaufen. Wo Gottschalk Sonntags versucht, die Zuschauer einzufangen, die – wie ich – zwischen dem Polizeiruf im Ersten und „Designated Survivor“ auf Netflix kurz mal nachschauen, was er da gerade treibt. Und nicht entsetzt, aber ein weiteres Mal ernüchtert feststellen: Das gleiche wie früher. Auf die gleiche Art und Weise wie immer. Nur eben heute, 30 Jahre später. Er kann nicht anders. Und das ist auch verständlich Nur funktioniert das leider ebenso schlecht wie das Einlegen einer CD in ein iPad. Was aber vermutlich niemanden davon abhalten wird, es weiter mit ihm zu versuchen. Es gibt ja noch viele andere Sender, die Sendezeit füllen müssen. Und es gibt viele andere Showstars, die Lebenszeit füllen müssen. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Einen langen, müden, schwachbrüstigen Tod.

Wo schlafen die eigentlich alle?

Wo schlafen die eigentlich alle? Diese Menschen, die zum Junggesellenabschied nach Düsseldorf reisen? Die Nordrhein-westfälische Landeshauptstadt ist ja seit Menschengedenken weit über ihre Grenzen bekannt dafür, an jedem verdammten Wochenende Junggesellenabschiede durch ihre Altstadt ziehen zu lassen. Doch nochmal die Frage: diese Menschen, die das letzte Mal ihren Anstand als Unverheiratete öffentlich und ausgiebig so in Frage stellen, als wären sie die Ersten und Einzigen auf diesem Planeten, die sowas tun – wo schlafen die alle? Wo übernachten die? Schließlich wohnen die nicht in Düsseldorf. Wenn sie in Düsseldorf wohnen würden, würden sie in Düsseldorf keinen Junggesellenabschied feiern. Weil sie wüssten, wie bekloppt das ist. Wo übernachten sie also? Antwort: in meinem Düsseldorfer Hotel. Dem nh-Hotel. Punkt 12 Uhr am Mittag checken sie ein. Mehr weibliche als männliche Gruppen. In Frauschaftstrikots gekleidet, wie eine Fußballmannschaft, damit ja niemandem verborgen bleibt, was sie zelebrieren müssen. Sie müssen, weil irgendwo geschrieben steht, dass das so sein muss. Dass man sich nochmal ordentlich die Kante gibt vor der Trauung. Niemand weiß, wo das gesetzlich verankert ist, aber man ist sich sicher, dass! Der Teufel taucht schließlich in der Bibel auch nicht wörtlich auf, aber jeder weiß: es gibt ihn. Die Braut lässt sich sofort ausmachen. Es ist entweder die betrunkenste von allen oder die mit der größten Angst in den Augen. Oder beides. Die Ärmste ahnt, was sie erwartet. Weil jetzt genau die in ihrem Gefolge sind, die sich sonst nie melden, nie anrufen, und nie „Gefällt mir“ unter ihre Postings auf Facebook setzen, aber nun überraschend freundlich und vollkommen aufgekratzt sind. Aufgekratzt von den drei Haubitzen lauwarmer Mumm, die sie schon intus haben. Aufgekratzt von der Aussicht, Zeugen einer grandiosen Blamage zu werden. Die mitgefilmt wird, man will ja schließlich auf dem Hochzeitsabend einen lustigen Pleiten, Pech und Pannen-Film zeigen. Da stehen sie, an der Rezeption. Es ist 12 Uhr, ihr Zimmer ist noch nicht frei, bis eben war noch die Belegschaft eines Junggesellenabschieds da drin. Nun müssen erstmal diverse Brände gelöscht werden. Die Minibar wird wieder gefüllt, der Teppich gereinigt und das zerschlagene Badezimmerinventar ausgetauscht. Und das Fenster erneuert. Das ist nämlich kaputt, weil JEMAND mit Anlauf durchgesprungen ist. Hackebreit, nachdem ihm seine Kumpels gezeigt haben, was sich so alles auf dem gehackten Handy seiner Verlobten finden ließ. Die Renovierungsarbeiten dauern zwar ein wenig, gehen jedoch zügig voran. Dann können die lustigen Hühner aufs Zimmer. Schnell zwei Minuten frischmachen und dann hopp hopp auf in die Altstadt, um sich bei brüllender Hitze und gleißendem Sonnenlicht (Temperatur an diesem letzten Wochenende im Mai: schmelztigelige 32 Grad im Schatten) von seinen „Freunden“ vorführen zu lassen. Vor Düsseldorfern, Düsseldorferinnen und ihren Besuchern, die so was ja noch nie gesehen haben. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass Düsseldorf ungefähr dreitausend Jahre vor Christus um einen Junggesellenabschied herum gebaut wurde. Der damals schon genauso aussah wie heute und genauso ablief wie heute. Menschen. So sind sie. Und weil ich das weiß, bin ich dann am frühen Samstag-Nachmittag doch nicht in die Altstadt gegangen. Bei brüllender Hitze. Ich war im Kino, bei netterer Gesellschaft. Die hieß „Alien“. Ich glaube, Alien Teil 39, „Alien vs. Bibi und Tina“. In diesem Film war zwar ebenfalls eine größere Menschengruppe in einheitlicher Kleidung auf einem fremden Planeten unterwegs, um sich Widerliches oral einzupfeifen, um es später zu erbrechen. Aber die Filmkotze ist wenigstens auf vier Gliedmaßen weggerannt und hat dabei laut gekreischt. War also der wesentlich lustigere Film als der, den ich in der Düsseldorfer Altstadt gesehen hätte.

Die letzte Glosse auf WDR 2

16. Mai 2017 – heute lief meine letzte Glosse auf WDR 2. Hier der Text, entstanden direkt nach der Landtagswahl in NRW, bei der die beliebte Volkspartei CDU unfassbarerweise stark gewonnen hat. Vermutlich will das Wahlvolk einfach sicherstellen, dass die politischen Kabarettisten dieses Landes auch weiterhin gutes Material für die Bühne bekommen. Wo sie dann über die Partei herziehen, die jene gewählt haben, die vor ihnen sitzen. Und die jetzt darüber sagen „Genau so isses!“ Ein Glück, dass ich kein Politkabarett mache.

„Die Deutschen lieben ja Musicals. Diese langweiligen Shows, in denen nichts Aufregendes passiert. Untermalt von schlechter Musik, zu der man laut schreiend aus dem Fenster springen möchte. Wenn eins da wäre. Deutschland und Musical – das passt zusammen wie Leitkultur und Sangria-Eimer. Höchste Zeit also für „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig – das Musical“. Wir schreiben das Jahr zweitausendfünfundzwanzig. Die Deutsche Bahn hat die Fahrkarten gestrichen. Das war der finale Schritt – nachdem die Fahrpläne, die Wagenreihung und überdachte Bahnsteige abgeschafft wurden. Die Fahrkarte heißt im Jahr zweitausendfünfundzwanzig Smartphone. Dumm nur, dass es gar keine Smartphones mehr gibt. Das heißt: keiner darf mehr mitfahren. „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig“ Stillstand ist mehr als ein Wort. Seit zwanzig Jahren steuert Angela Merkel die Chefnation Europas. Und sie steuert sie auf Sicht. Sie hat Frankreich das Taschengeld gekürzt, Griechenland per Schuldschein an die Türkei verkauft und Ungarn an Österreich verschenkt. Aber die Höchststrafe gab’s für Portugal. Der spanische Blinddarm muss per Dekret solange den Eurovision Song Contest ausrichten, bis die iberische Außenkante endgültig vom Atlantik gefressen wurde. „Deutschland zweitausendfünfundzwanzig“: Merkel hat die SPD fermentiert. Weg von einer Partei, hin zu einem Alibi-Grund, überhaupt noch so was wie Wahlkampf machen zu müssen. Eigentlich braucht man diesen Quatsch aller vier Jahre nicht mehr, weil sich der so genannte Wähler, trotzdem er die Wahl hat, eh immer fürs selbe Angebot entscheidet. Aber laut Grundgesetz gibt es sowas wie eine Legislaturperiode. Und noch gibt es Leute, die trotz Bildungssystem das Wort „Legislaturperiode“ aussprechen können. Auch wenn sie dafür betrunken sein müssen. „Deutschland – das Musical“ Sehen Sie, wenn die Deutschen auch im Jahr zweitausendfünfundzwanzig gefragt werden, was sie wählen wollen. Wenn die Gegenkandidaten von Angela Merkel nur ein paar Emojis bei WhatsApp sind. „Deutschland das Musical“ – mit Helene Fischer als Angela Merkel und Erika Steinbach als Bundeswehrkaserne. Musik: Die Amigos. Pausensnack: Kartoffeln mit brauner Soße. Zu erleben ist das Ganze im Musical Dome Berlin Schönefeld, vormals bekannt als Flughafen Berlin Brandenburg. Ich werde dieses schöne Musical jetzt schreiben. Kann also hier keine Glossen mehr machen. Ich bedanke mich für dreieinhalb Jahre treues Zuhören und wünsche ihnen viel Vergnügen mit meiner Nachfolgerin Katrin Bauerfeind. Ab nächster Woche hier auf diesem Sendeplatz. Tschüß!“

Und nun schreibe ich wieder Texte ausschließlich für die Bühne. Es waren interessante dreieinhalb Jahre, in denen ich viel lernen durfte über Radiohörerbefindlichkeiten, nicht richtig zuhören können und vor allem, schnell auf den Punkt zu kommen. Das ist man gar nicht so leicht, nönö. Wichtig auch: schon beim Ersinnen der Glosse die Schere im Kopf mitschnibbeln zu lassen, damit man ja keiner Randgruppe daheim am Empfänger auf die Füße tritt. Ich möchte mich vielmals dafür bedanken, diese schöne Sache gemacht haben zu dürfen. Einmal pro Woche die aktuelle Lage präzise wie ein Privatgelehrter einzuordnen. Was auf mehr oder weniger Resonanz stößt. Und im besten Fall WDR 2 einmal pro Woche für zweieinhalb Minuten davon abhält, schlimme Musik von Silbermond und Tim Bendzko zu spielen. Und vor allem möchte ich nicht verschweigen, dass es auch sehr viel Zuspruch gab. Teilweise sogar persönlich, mündlich vorgetragen von wildfremden Menschen, die mich weit außerhalb des WDR-Sendegebietes auf die Radioglosse ansprachen. Ein schönes Gefühl. Danke danke danke und gerne jederzeit direkt nach den Auftritten. Denn die gibt es weiterhin. Bundesweit. Und auf WDR 2 sendet nun Katrin Bauerfeind. Vermutlich, weil Barbara Schöneberger keine Zeit hatte.

Ein kleines Wunder

„Ich kannte ein Mädchen in Plauen, da bin ich bald abgehauen“ – diese Zeilen würde Ingo Insterburg heute vermutlich aktualisiert singen. Der freche Barde würde „Mädchen“ durch „Rentner“ ersetzen. Denn Plauen ist eine dieser typischen überalterten Oststädte, denen es mal wesentlich besser ging. „Das war mal die reichste Stadt in Deutschland“ klärte mich eine Besucherin nach dem Auftritt im Malzhaus auf. „Wann denn?“ frage ich ehrlich interessiert. „Zur Jahrhundertwende“ sagt sie. „Zu welcher Jahrhundertwende?“ frage ich zurück. „Na, 1900!“ erwidert sie. Alles, was damals in Deutschland produziert wurde und Reichtum schuf, wurde also in Plauen produziert und schaffte dort Reichtum. Plauener Spitze logischerweise, aber auch Schwerindustrie, Leichtindustrie und überhaupt Industrie. Das ist aber nur wirklich schon lange her. Der Boom hatte Plauen bereits lange vor Geburt der guten Frau verlassen. Kurz nach Ende des ersten Weltkrieges nämlich war der Goldrausch in Plauen nach 20 Jahren schon wieder vorbei. Wie das so ist mit Konjunkturspitzen, irgendwann sind sie abgefeilt. Aber nachtrauern wird man der guten alten Zeit ja wohl auch heute noch dürfen. Heute, wo die letzten der wenigen Jobs nach Polen abwandern oder in noch unaussprechliche Länder. In den Schaufenstern vieler Läden rufen „Zu Vermieten“-Zettel stumm um Hilfe. In der Innenstadt ist es in bestimmten Momenten tagsüber leiser als auf einem Friedhof. Manchmal miaut eine Katze, entschuldigt sich aber sofort für die Ruhestörung. Wenn man genau hinguckt, sieht man durchaus junge Leute. Aber ins Auge fallen in einer verlassenen, vereinsamten ostdeutschen Innenstadt nun mal eben die sehr gut dazu passenden Rentner und die Trägen, die die Bürde ihres eigenen Übergewichts mit sich herumschleppen. Mich wundert immer noch, dass ungefähr 150 Zuschauer zu meinem Auftritt kamen. Gerechnet hatte ich mit einer wesentlich übersichtlicheren und kleineren Zahl. Denn auch mein Business hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Scheinbar jeder junge Mensch, der sein Leben als Comedian oder Slammer in einigermaßen unterhaltsame Worte kleiden kann (so wie ich) drängt mittlerweile auf die Bühne (so wie ich). Poetry Slam ist heute ein anderes Wort für Zivildienst. Auf der Bühne wird es also langsam voller als im Zuschauerraum. Denn das Publikum wird ja nicht automatisch mehr – da kann Frauke Petry noch so viele Kinder fordern und selber mit gutem Beispiel vorangehen. Und das potentielle Publikum geht ja auch nicht automatisch häufiger abends aus, nur weil auf den Bühnen viel mehr los ist als früher. Zusätzlich sind die Leute übersättigt durch unfassbar viele lustige Lachsendungen im Fernsehen, die ihrerseits wieder auf Facebook vertreten sind. Parallel dazu finden in jedem Kaninchenstall landauf landab verdammt lustige Comedymixshows statt. Nirgendwo ist man mehr sicher vor Lachsalven, hinter jeder Ecke dieses Landes lauert ein Humorist, um sein argloses Opfer mit lustigen Knallergags zu belästigen. „Mich wundert ja, dass überhaupt noch jemand kommt“ sagte kürzlich ein altgedienter berühmter Kabarettist zu mir, mit dem ich auf einer Zugfahrt plauderte. Als er diese abgeklärten Worte sprach, dachte ich: „Mich auch.“ In wenigen Tagen hätte es mich zu einem Auftritt in Hoyerswerda verschlagen. Einer Stadt, über die man selbst in Plauen sagt: „Ach du Scheiße! Da ist ja gar nichts mehr.“ Außer einem gleichzeitig stattfindenden Musikfestival, vermutlich umsonst und draußen und mit Matthias Reim als Stargast. Und dementsprechend wenig verkauften Eintrittskarten für mich. Also noch weniger als ich dachte. Darum haben wir den Auftritt verschoben. Auf den 6. Dezember. Nikolaustag. Wo man den anderen was in die Schuhe schieben kann.

Noch einmal WDR 2

Wie der ein oder andere weiß, sendet WDR 2 jeden Dienstag im Rahmen der Reihe “WDR 2 Kabarett” bzw “U-Punkt” – wie es früher hieß – eine Glosse von mir. Seit dreieinhalb Jahren darf ich mich dort austoben. Dafür bin ich sehr dankbar, kann ich doch machen, was ich will. Denn eine Zensur findet nicht statt (außer bei Schimpfworten). Nach knapp 200 Glossen kann ich sagen: Der schärfste Zensor ist der Hörer. Manchmal erreichen mich nämlich empörte und entrüstete Hörerrreaktionen. Die decken die ganze Palette der Eingeschnapptheit ab, von der leichten Magenverstimmung über die persönliche Beleidigung bis hin zur lauten Foderung nach Strafverfolgung, Ausbürgerung und lebenslanger Einzelhaft bei Knäckebrot ohne Margarine. Manchmal bekomme ich aber auch Lob. Meistens aber bleiben Reaktionen aus. Dann weiß ich, dass die Glosse zu nett war. Kürzlich hat mich ein Hörer allerdings überrascht. Hiermit:

 “Guten Morgen, Ich habe mich gestern kritisch zu Nils Heinrichs Podcast “Krasser werden…” geäußert. Leider hatte ich da wohl nur mit halbem Ohr zugehört und das ganze ziemlich in den falschen Hals bekommen. Heute habe ich mir den ganzen Podcast noch mal in Ruhe und vollständig angehört – und ich will mich entschuldigen für meine unsachliche Kritik. Das was Herr Heinrich sagt kann ich heute auch witzig finden. Ein gelungener Beitrag zum Wahlkampf und ein Anreiz, nicht immer alles auf die Goldwaage zu legen und auch mal etwas mit Abstand auf die Wahlkämpfer zu blicken. Danke! Viele Grüße, Jochen K.”

 

Am 16. Mai werde ich zum letzten Mal die Glosse am Dienstag bestreiten. Danach übergebe ich den Staffelstab ein eine aus dem Fernsehen bekannte prominente Nachfolgerin. Ich danke jetzt schon fürs Zuhören.