Neues Programm: Nils Heinrich probt den Aufstand

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Ab März auf allen Bühnen

Nils Heinrich „…probt den Aufstand!“. Sagt er. Aber gibt es nicht schon genug Leute, die den Aufstand proben? Eben drum. Heinrichs Aufstand ist ehrlicher. Weg von den angeblichen Zumutungen einer scheinbar komplett aus dem Ruder gelaufenen Welt. Hin zu den Schönheiten des Daseins. Weg von den Stöckchen, die jede Minute medial zum drüber springen hingehalten werden. Hin zu den kleinen Wundern, die keiner mehr sehen will. Wohldosierte Witzigkeit und intelligente Melancholie sind das Geheimrezept von Heinrichs nachhaltigen Qualitätskalauern, die er über den Abend verteilt zum Vergnügen seiner Zuschauer ganz sanft in deren Gedanken ziseliert. Und zwar mit einem himmelblauen Holzhammer aus korsischem Kirschholz.
„Nils Heinrich probt den Aufstand!“. Der listige Bühnenschelm ist bekannt als wohlige Ausnahme im nervigen Einerlei der heutigen Kleinkunstübersättigung. Er blendet nicht und fackelt nicht lange. Mit Puppen spielt er auch nicht rum. Auch lästige Lustigkeiten über seine Jugend mit Migrationshintergrund wird er nicht breitwalzen. Obwohl er Ostdeutscher ist. Stattdessen ist er einfach witzig.
Nils Heinrich „…probt den Aufstand!“ und zeigt einmal mehr, warum er drei, sieben oder elf Kleinkunstpreise in seinem Bücherregal stehen hat – was aber auch egal ist! Denn Preise sind was für Sonderangebote. Wichtig sind Kontinuität, Vertrauen und eine gepflegte Gesamterscheinung. Und endlich mal wieder Bühnenunterhaltung, die den Namen auch verdient. Ohne Zeigefinger. Ohne Predigerallüren. Locker, geschmeidig, mit viel Understatement. Witziges für Erwachsene eben.
Denn das gibt’s leider viel zu selten.

Wir verstehen das nicht!

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Einmal im Monat interessiere ich mich ja neben Kochrezepten auch drei Sekunden lang für Politik. Und so erfuhr ich kürzlich vom Generationenkonflikt innerhalb der SPD. Der Chef der Jungsozialisten will keine große Koalition. Und die Älteren nehmen ihn nicht ernst, weil der Mann mit Vornamen Kevin heißt. Man kann es den älteren Herr- und Damenschaften aber auch nicht verübeln. Denn die Welt da draußen ist nicht mehr so einfach wie zur Zeit des Säbelzahnzigers und der Ado-Goldkante. Wie man außerdem weiß, ist Kevin kein Name, sondern eine Diagnose. Außerdem ist der Rotzlöffel so frech, nicht mal 30 zu sein. Er wird folgerichtig von den Politsauriern bei Maybritt Illner geduzt. Und in TV-Interviews gefragt, ob er in einer WG wohnt. Vermutlich muss er sich auch fragen lassen, ob sein Fahrrad Stützräder hat und ob er seinen Popel in Honig taucht, bevor er ihn isst. Was alte Leute junge Früchtchen eben so fragen. Mich erstaunt an der im Internet mit reichlich Beispielen, O-Tönen, Clips und Screenshots geführten Debatte eigentlich nur, dass die SPD noch Mitglieder unter 30 hat. Ansonsten ist diese Debatte nur ein kleiner Frontabschnitt im gottseidank noch unblutig ausgetragenen Generationenkonflikt. Unser Land hat viele alte Babyboomer und wenig junge Babyloser. Zwischen ihnen knirscht es gewaltig, und zwar exakt an der Stelle, wo sich die Leute meiner Generation rumdrücken. Die zwar auch irgendwie da sind, aber nicht so richtig in Erscheinung treten. Auch in der Alterspyramide ist nämlich die Mittelschicht weggebrochen. Vermutlich melden sich Menschen meines Alters aber auch nicht zu Wort, weil sie selber gerade Kleinkinder großziehen (endlich mal was Sinnvolles vollbracht) oder hektisch schnell noch ihr Leben leben müssen. Sie stürzen sich in Hausbau, Weltreise, Extremsport oder irgendeinen anderen Wahnsinn. Weil die mit Mitte 20 zur Welt gebrachten Kinder endlich aus dem Haus sind. Und gerade noch ein bisschen Geld da ist, bevor die unausweichliche Altersarmut ausbricht. Rechts und links daneben kämpft Alt gegen Jung – das ewige Lied. Und ich stehe an der Seite und schaue interessiert zu. Dass die Alten die Jungen nicht verstehen, kenne ich ein bisschen auch schon von mir. Ich raffe nicht, was da einige Poetry Slammer und blutjunge Kölner Comedians auf YouTube treiben. Ich sehe mir das an und denke „Aha. Verstehe ich nicht.“ Aber sie haben reichlich Publikum, das im Gegensatz zu mir die Codes kennt. Also ist das für mich in Ordnung. Ich bin nicht die Zielgruppe. Ich konnte als Teenie auch nicht über Loriot lachen. Oder über den Scheibenwischer. Und jetzt muss ich nicht mehr alles verstehen. Ich habe auch keine Zeit mehr, mich mit allem auseinanderzusetzen. Ich habe ja nicht mal Zeit, zum Friseur zu gehen – man sehe sich nur oben das Selfie an, für das ich extra meinen schwarzen Politkabarettistenrollkragenpullover aus dem Koffer geholt habe. Damit kann ich ein echt amtliches und altehrwürdiges Doppelkinn formen. Aus vielen Gesprächen weiß ich beispielsweise auch, dass das reife Kabarettpublikum „Die Anstalt“ im ZDF ü-ber-haupt nicht mag. Und darum nicht guckt. Den durch Urban Priol und Volker Pispers geschulten Kabarettfans fehlt das traditionelle Politikerbashing, das hierzulande als „Politkabarett“ missverstanden wird. Das wollen sie sehen, alles andere ist ihnen egal. Dabei macht „Die Anstalt“ hochpolitisches Kabarett. Politik ist ja immer auch privat. Und „Die Anstalt“ müht sich, Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn was kann ein Politiker schon ausrichten, der von Lobbyisten weichgeknetet wird, die letztlich im Dienste ihrer Konsumenten unterwegs sind, die das Business des Lobbyisten tagsüber durch ihr Kaufverhalten am Laufen halten, während sie abends vorm Fernseher sitzen und höhnisch über verballhornte Politiker lachen. Die ihrerseits völlig verzweifelt und verunsichert ihre letzten Wählertruppen mit platten Parolen und bizarren Ängsten zu steuern versuchen und das ganze als Demokratie definieren. Manchmal, aber nicht zu oft, schießt „Die Anstalt“ freilich ein bisschen übers Ziel hinaus oder versäumt bedauerlicherweise, lustig zu sein. Aber sie hat ein Alleinstellungsmerkmal. Und das heißt nun mal „Bildungsauftrag“. Und das ist bei mindestens zwanzig monatlichen witzigen und lustigen und ach so komischen Kabarett- und Comedyshows allein im öffentlich rechtlichen Fernsehen gleichermaßen selten wie Gold wert. Die jungen Zuschauer hängen Claus von Wagner und Max Uthoff an den Lippen. Sie twittern sich auch hochengagiert während jeder Ausgabe der „Anstalt“ die Finger heiß. Während die alten Politkabarettfans in Scharen davonlaufen und nur noch von einigen Sendungen in dritten Programmen ihre gewohnte und wohl auch benötigte Kost bekommen. Das ist, kurz zusammengefasst, der Generationenkonflikt in meinem Berufsfeld. Alt gegen Jung. Und ich mit meinen Themen mittendrin. Und über Netflix bzw. Amazon Prime, die dem traditionellen Fernsehen gerade ein ähnliches Grab schaufeln wie vor kurzem Apple der Musik- und Fotokameraindustrie, habe ich noch nicht mal ansatzweise geschrieben. Und jetzt gucke ich wieder aus dem ICE-Fenster. Guck mal da: ein Vögelchen!

Flotter Otto

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Flotter Otto ist auch so ein Begriff aus Kindertagen. Flotter Otto ist nicht die berühmte Schmalspurbahn auf der Insel Rügen und auch kein superschneller Fußballnationalspieler aus den 70er Jahren. Flotter Otto ist genau der richtige Kosename für Durchfall. Für das Zeug also, das mit zweifacher Schallgeschwindigkeit aus dir rausschießt, wenn du was Falsches gegessen hast. Oder gestern zu viel Bier hattest. Oder Kinder heranziehst, damit die Gesellschaft auch zukünftig über Bauarbeiter, Beamte, Blogger, Billigfliegerpiloten oder Poetry Slammer verfügt. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. Und wenn in der Kita der Zettel hängt, der fröhlich verkündet, dass gerade „Magen Darm“ umgeht, kannst du davon ausgehen, dass der feine Herr Magendarm irgendwann auch bei dir klingelt. In diesem Fall ist es dann egal, ob du ihm die Tür aufmachst. Er kommt notfalls durchs Schlüsselloch. Und dann pfeift er kurz „Hallo“, was genau so klingt wie das Sturzflugpfeifen eines Stuka-Bombers. Schon wirft der flotte Otto seine Bombe und ist wieder verschwunden. Und all deine Körperflüssigkeit und all die Elektrolyte mit ihm. Jetzt liegst du da, weidwund, schwach, und betrachtest aus weit geöffneten Pupillen deinen kleinen Teil des Universums. Die kanadische Sängerin Alanis Morissette hatte mal einen halben Hit namens ‚Thank U‘, in dem von transparenten Karotten die Rede war und von zerbrechlicher Göttlichkeit und von Vergebung und von Indien. Ich habe das erwähnte Lied lange Zeit für absoluten Quatsch gehalten. Für die überbewerteten Zeilen einer viel zu jung viel zu berühmt gewordenen Singer-Songwriterin, die der Ruhm verrückt gemacht hat. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Denn jetzt, viele Jahre später, ist mir klar: die Frau hatte einfach Durchfall und lag mit den Spätfolgen im Bett. In ihrem Fall wars sogar Diarhöööö. Auch so ein absolut passendes Wort mit richtiger letzter Silbe für das Phänomen Flotter Otto Denn wenn dieser bei dir ein- und ausgebrochen ist und alle Vorräte an Körperflüssigkeit mitgehen ließ, du dich also vollkommen entwässert auf der Matratze krümmst und nichts mehr kannst außer die Decke anzustarren, verstehst du nämlich plötzlich alles. Denn die Muster, die du auf der weiß verspachtelten Zimmerdecke siehst, erklären dir die Welt. Wie die Kernspaltung geht, warum es die FPD gibt, was veganer Braten ist und warum sich Leute gegenseitig zu Heiligabend Weihnachts-CDs schenken, obwohl man sie ab Heiligabend nur noch zwei Tage lang hören kann. Du siehst die Zusammenhänge hinter allem. Und was am Interessanten ist: sie sind dir vollkommen egal. Wie das nun mal so ist, wenn sich das Bewusstsein erweitert. Obwohl du oben permanent nachgießt, hast du kein Wasser mehr im Körper. Du verspürst Erleuchtung durch Vertrocknen. Und fragst dich eines: Warum pfeifen sich Leute teure Drogen rein, um das gleiche zu fühlen wie du? So einen Wahnsinnstrip, der bis zu zwei Tage anhält, kann man sich doch auch ohne Opium oder LSD verschaffen. Einfach mehrmals im November durch eine Kita laufen. Wenn man Kinder hat und da rein darf. Wenn man keine Kinder hat, kann man ersatzweise zwei Stunden lang im Berliner S-Bahnhof Westkreuz genussvoll das Rolltreppengeländer ablecken. Oder zum achten Mal in Folge Entenkeule mit Rotkohl und Klößen essen und abends trotz sehr gut hörbarer Bauchpolonaise in der Dickdarmgegend noch ein schönes kaltes Bier zischen. All das kann zur inneren Einkehr nach sitzendem Sturzfasten führen. Was sich nun in meinem Fall in den letzten Stunden vorm ganz privaten Burnout ereignet hat, überlasse ich jetzt mal der Fantasie der Leserschaft. Bevor sich jemand allzu große Sorgen macht, schließe ich diesen Eintrag mit den goldenen Worten von Reinhold Messner: „Ich bin übern Berg!“ und wünsche geruhsame, ruhige und ausgeglichene Festtage. Und achtet darauf, dass ihr euch auch über die Feiertage ausgewogen ernährt. Sonst brennt irgendwann die fünfte Kerze. Aber ganz woanders.

Angstangstangst

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Am 19. Dezember 2016 ermordete eine gescheiterte Existenz namens Anis Amri – aktenkundig, drogensüchtig, kleinkriminell und ungesund religiös aufgeladen – mit einem geklauten LKW auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mehrere Menschen. Trotzdem er überwacht wurde. Überwacht von Behörden, die schon mit Fahrraddiebstählen heillos überfordert sind. Am Tag darauf musste ich in derselben Stadt in einer Comedy-Show auftreten. Vorher zermarterte ich mir das Hirn. Kann und darf man jetzt lustig sein? Wie lustig überhaupt? Wird denn überhaupt jemand in die Show kommen? Sind die Menschen in der Realität auch so betroffen wie bei Twitter? Oder ist den Menschen hier in Berlin wieder mal alles egal? Antwort: der Laden war bumsvoll. Niemand war wegen Terrorgefahr zuhause geblieben. Die Stimmung: sehr ausgelassen. Nicht wenige Zuschauer waren weihnachtlich angemessen betrunken. Kurz vor Weihnachten erfreuen nämlich gern komplette Belegschaften mittelständischer Kleinunternehmen die Kabarettvorstellungen und Comedymixshows mit ihrer Anwesenheit. Weil der Chef die fantastische Idee hatte, seine Angestellten mit Kultur zu konfrontieren. Für die Angestellten heißt das: sie dürfen auf Kosten des Chefs so viel schlucken, wie reingeht. Und das kosten sie aus. Sie wollen es dem alten Kapitalistenschwein mal ordentlich heimzahlen. „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!“ Während der Chef die Sause mit den Angestellten schön von der Steuer absetzen kann, müssen alle anderen im Saal das in Alkohol gelöste Betriebsklima ausbaden. Denn betrunkene Arbeitnehmer tun im Kreis ihrer Kollegen besonders intensiv, was Betrunkene nun mal so tun: laut ihr Revier markieren. Sie müssen die Kollegen schließlich damit beeindrucken, zehnmal lustiger zu sein als der Rest der Belegschaft. Und hundertmal lustiger als alle andern Flachpfeifen im Saal. Die so dämlich waren und selber Eintritt bezahlt haben. Da sitzt dann schon mal die Belegschaft eines Schmiermittelvertriebs im Saal. Werbespruch: „Wo wir schmieren, quietscht nichts mehr!“ Oder eine komplette Kfz-Schlosserei. Handfeste Schwerathleten, die zum Frühstück Buletten mit Kunsthonig essen und sich die Zähne mit Hackfleisch putzen.
Und man spricht auf der Bühne gegen eine Wand aus Schlürfgeräuschen, gegrunzten Witzwiederholungen und Livekommentaren. Man ist dummerweise nüchtern. Man erlebt also das Desaster bei vollem Bewusstsein. Und man grübelt, für welches Verbrechen man hier gerade bestraft wird. Und die anderen Teile des Publikums leiden mit, solidarisieren sich aber nicht. Und die Sekretärinnen der Firma machen sich Notizen. Und der Chef lächelt.
Und am nächsten Tag liest man die Schlagzeile der BILD: „ANGST!“
Und man denkt sich: „Nein. Neinneinnein. Angst hat man vielleicht als dunkelhäutiger Mensch in Ostsachsen. Oder wenn man im Stauende steht und hinter einem wird ein LKW immer größer, aber nicht langsamer. Aber die Leute gestern hatten keine Angst. Die hatten Durst.“
Das alles ist jetzt ein Jahr her. Glücklicherweise hat sich bislang hierzulande so eine Terrorhorrorstory nicht wiederholt. Wenngleich solche Dinge von Leuten, die politisch und klickzahlentechnisch davon profitieren, immer wieder runtergebetet werden. Aber das Leben geht weiter. Mit all seinen Weihnachtsfeiern, Volksfesten und sonstigen Gründen, sich ordentlich die Kante zu geben. Ich für meinen Teil möchte nur hoffen, dass bei meinen letzten drei Auftritten in diesem Jahr nach Möglichkeit keine Betriebsweihnachtsfeiern im Saal hocken. Ich trete nämlich am liebsten immer noch vor Leuten auf, die freiwillig kommen. Und keine Angst haben. Wovor auch immer.

Halloween

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Wenn ihr kleinen süßen Hexen und Mumien, die ihr von euren Erzeugerschnöseln vorn und hinten alles reingeblasen bekommt und die 300 Meter zur Kita im Q7 gefahren werdet, damit ihr dank des erhöhten Sitzens frühzeitig das Bewusstsein ausbildet, zur Elite zu gehören, euch nächstes Jahr zu Halloween, einem Fest der Amerikaner, die eure Eltern für Besatzer halten, obwohl ein beträchtlicher Teil dieser Amerikaner aus nichts anderem besteht als ehemaligen Familienmitgliedern, wenn ihr kleinen TÜV-geprüften und globuliinduzierten Duracell-Häschen euch wieder über die in euren aufgrund übermäßigen iPhonegebrauchs kurzsichtigen Augen unzureichende Süßigkeitenauswahl beschwert, dann ist aber mal Reformationstag! Dann gibt’s für euch verwöhnte Brut nächstes Jahr Kartoffeln aus dem Reformladen. Da ist unreformierter Zucker drin. Und dann nehmen wir euch mit in eine der Jahreszeit entsprechend temperierte Kirche. Und da drin gibt’s kein offenes WLAN. Da drin gibt’s ein offenes EKG. Das singen wir komplett durch, während wir solange auf der harten Holzbank sitzen, bis ihr Süßen richtig sauer werdet!

Ja, auch ich wurde belästigt

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Erfreut nehme ich zur Kenntnis, dass die Fraktion einer ganz ganz neu in den Bundestag gewählten relativ neuen Partei sofort mit der Arbeit loslegt. Diese Partei schreibt sich bekanntermaßen Freiheit und Feminismus auf ihre blaue Fahne. Und auch in dieser Saison flammt traurigerweise wieder eine Sexismusdebatte auf. „Auch ich wurde sexuell belästigt“ bekennen bekannte Frauen auf dem Titelblatt der BUNTE. Man möchte fragen: „Was, wart ihr auch Silvester in Köln?“ Und diese Frage wäre natürlich Quatsch. Weil jeder weiß, dass Notgeilheit und sexuelle Übergriffigkeit auch außerhalb Silvester und außerhalb Kölns Konjunktur haben. Beispielsweise Dienstags im Kopierraum. Ausgehend nicht zwangsweise von einem Nafri, sondern von einem Eiheibetrivor (Eigenheimbewohnender triebgesteuerter Vorgesetzter). Ich finde es darum Klasse, dass sich die erklärt feministische AfD-Fraktion geschlossen diesem virulenten Thema annimmt. Oder habe ich das nur geträumt? Ich gestehe: auch ich wurde schon mal begrapscht. Von einem schwulen Arbeitskollegen. Lange her, sehr lange. Er hat mir mit tiefem Blick die nicht sehr muskulöse Brust gestreichelt. Ein bisschen war ich ja schon geschmeichelt. Wir beide waren aber auch betrunken. Ich ließ es ihm durchgehen, als kleine Dankbarkeit für das Erledigen meiner Steuererklärung. Ein ganz klein wenig habe ich mich ja auch über diese Zuneigung gefreut. Obwohl ich definitiv auf Frauen stehe. Egal. Anderes Thema: Einschusslöcher. In den USA kann man sich aussuchen, ob man am bleiernen Schuss aus der Wumme oder am goldenen Schuss aus der Nadel stirbt. Seit Jahren knallen sich immer mehr Freunde des Heroins mit einer Überdosis desselben für immer in die Nähe ihres Herrn. Oder in die ewige Dunkelheit. Die zwei Gründe dafür: krasse Schmerzmittelabhängigkeit, die nur Heroin wegkriegt, wenn die vom Onkel Doktor verschriebenen Tabletten aufgegessen sind. Und hochqualitative, saubere Wegknallware direkt vom Erzeuger (Afghanistan). Mit eigenem Vertrieb (US-Army) auf kürzestem Weg zum Verbraucher gebracht. An der heimatlichen Heroinfront fallen pro Jahr mehr US-Amerikaner als im gesamten Vietnam-Krieg. Und was gibt’s hierzulande? Jamaica-Koalitionsgespräche (Hören Sie bitte auf zu gähnen!).  Die CDU will den Grünen deren Klimaschutzphantasien ausreden. Denn die Schließung der Braunkohlekraftwerke vor allem im CDU-NRW würde Arbeitsplätze kosten. Dreck rausblasen sichert also Arbeitsplätze. Kennt man ja von der Verkehrspolitik. Beliebtester Satz von Familienvätern, die ihren dreiköpfigen Anhang gerade sicher zur Ferienwohnung auf Rügen chauffiert haben: „Wir waren acht Stunden unterwegs. Wir haben nur im Stau gestanden.“ „Wo kommen Sie denn her?“ „Dresden.“ Aber was bringt man nicht gern für Opfer für die zielführende Verkehrspolitik der Bundesregierung. Hauptsache, man hat überlebt und wurde nicht am Stauende zum Opfer eines eben da ungebremst reinkachelnden Truckers, der am Steuer Game of Thrones auf dem iPad guckt, mit Kopfhörern. Während er spanischen Billigkefir zum Umetikettieren nach Kroatien bringt, damit er hier als Alpenmilchjoghurt verkauft werden kann. Der Tod im Straßenverkehr ist ein gesellschaftlich akzeptiertes Schicksal. Sichert ja Arbeitsplätze. Ebenso wie das Einatmen dreckiger Luft und das vom Baum erschlagen werden infolge klimawandelgepimpter Starkstürme. Am Wochenende soll es ja wieder kräftig blasen. Bevor es dann im Winter nicht schneit. Insofern wünsche ich allen ein schönes und sicheres Wochenende. Setzt den Fahrradhelm auf, wenn ihr rausgeht!

Draußen sein

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Eltern kleiner Kinder sind ja am Wochenende in der Regel draußen. Wegen der Kinder. Eine vorzügliche Gelegenheit, die anderen Eltern kleiner Kinder zu beobachten und zu belauschen. Um sich selber zu bestätigen, dass bei denen noch mehr schiefläuft als bei einem selber. Folgende Beobachtungen des vergangenen Wochenendes hält mein Notizzettel bereit:

Eltern mit Kleinkindern kleiden sich hierzulande nicht mehr attraktiv, sondern nur noch praktisch. Die Eleganz ist einer Art imprägnierten Resignation gewichen. Mit einer Brosche aus Halbverdautem am Kaschmirkleid schindet man nun mal keinen Eindruck. Darum tragen Kleinkindeltern abwaschbare Nutzklamotten in Form von Kartoffelsäcken. Deren Trägern es nichts ausmacht, wenn das äußere Erscheinungsbild Spuren von Hirsemüsli vor oder nach der Verdauung enthält. „Äh, warum klebt denn jetzt meine Hand? Was ist das?“ „Hm, vermutlich Schnodder oder magensaures Pastinakepüree. Du hast ja gerade mein Kind angefasst.“ Eltern von Kleinkindern entwickeln anderen Menschen gegenüber eine gewisse Rotzigkeit. Eine Mischung aus Abgeklärtheit und Angepisst sein (mental und tatsächlich). Das Wochenende gehört ja auch nicht mehr ihnen. Ein gutes Buch lesen. Oder mal die Sonntagszeitung. Oder ins Kino gehen – Matineevorstellung, haha! Oder ein YouTube-Video produzieren. Oder Brunch (wenn man sowas jemals mochte). VERGISS ES! Es ist vorbei! Das Kind muss raus an die frische Luft. Und alle müssen mit. Sagt meinen Beobachtungen zufolge in der Regel die Mutter. Bevor sie ein Kind hatte, hat dieselbe Frau am Wochenende gesoffen. Und geraucht. Und ausgeschlafen. Und eins hat sie nicht gemacht: Rausgehen. Aber jetzt! Sie ist Frischluftfanatikerin. Verdammte Hormone! Und wo wir gerade bei Müttern sind: Liebe Mütter – Entspannt euch. Es bringt nichts, dem Kind gefühlte zwei Stunden lang dieselbe und immer wieder dieselbe Frage zu stellen: „Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel? Willst du noch ein Stück Apfel?“ Wenn das Kind nicht antwortet, heißt das erstens: „Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung. Mama, deine Platte hat einen Sprung.“ und zweitens: „NEIN! NEIN! NEIN! NEIN! NEIN!“ Und an dieser Stelle kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Wenn das Kind Hunger hat und ein Apfelstückchen möchte, dann wird es sich melden. Mit Sicherheit wird es sich melden. Fragt meine Kratzspuren.

Gut und gerne leben – nur wo?

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Frau Dr. M. ist ausgepfiffen worden. Und ausgebuht. Mal wieder Und nicht nur einmal, sie hat es sich gestern richtig gegeben. In zwei Orten nacheinander hat sie ein Bad im Shitstorm genommen. Zuerst in Torgau und für die Zugabe nochmal nebenan in Finsterwalde. Da, wo sich Aldi und McGeiz „Gute Nacht“ sagen. Überraschend wird das Getrillere für Frau Merkel nicht gewesen sein. Vermutlich hat sie sich darauf innerlich vorbereitet. Vielleicht ja auch mit Hilfe legaler Substanzen. Der Verkäufer der dafür nötigen großen Mengen Nerventonikums (oder Vollmilch-Nuss-Schokolade) ist jetzt ein reicher Mensch. Ich stelle mir vor, dabei gewesen zu sein. Als Einwohner von Torgau oder Finsterwalde. Der seit Jahren Rückbau und Sozialdämmerung inklusive Jugendflucht und Rollatorschwemme erlebt. Und allmählich das Bewusstsein herausbildet, insgesamt und landesweit sei alles sei nur noch schlimm schlimm schlimm. Weil er die tatsächlich vorhandenen Landesteile, in denen es läuft, nicht kennt. Und dann kommt dieses Wesen, das den ganz persönlichen Stillstand seit zwölf Jahren aus der Ferne verwaltet. Und dieses Wesen tritt unter dem Motto „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ auf dem Marktplatz auf. Dort, wo seit Jahren der Wochenmarkt aus immer weniger Buden besteht. Weil die Leute immer seltener auf dem Wochenmarkt einkaufen. Wo kein Weihnachtsmarkt mehr stattfindet, weil die Leute aus Geldgründen ihren Glühwein zuhause saufen. Genau dort steht jetzt eine riesige Bühne mit einer hochhausgroßen LED-Wand. Du hast noch nie in deinem Leben so eine leuchtende LED-Wand gesehen. Und schon gar nicht hier, in deinem tristen Ort. Ist das überhaupt eine LED-Wand? Oder ist das ein gerade gelandetes Ufo? Das Ding blendet richtig dolle. Was steht da drauf? „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Aha. ‚Welches soll das sein?‘, denkst du. Meins? Lebe ich hier gerne? Reicht mir mein netto, der mich mit billigen Schweinefleisch ruhigstellt, das billiger ist als mein billiges Bier? Und das beim Braten spritzend verschwindet, weil es ein Massenschnitzel ist, das nur aus Wasser besteht? Finde ich den mit Brettern verrammelten Bahnhof unseres Ortes toll, durch den mehr Züge durchrauschen als anhalten? Wo man sich nicht mal unterstellen kann, wenn es regnet? Finde ich das Kulturangebot unseres Ortes toll, das aus genau einer Tankstelle besteht? An der sich abends die wenigen Jugendlichen treffen, die zu verzagt sind, um wegzuziehen. In ein Deutschland, das vielleicht mit dem Slogan dort auf der LED-Wand gemeint sein könnte. Das muss das Deutschland sein, in dem die Leute leben, die so schlau waren, rechtzeitig aus meinem tristen Ort abzuhauen. Seitdem stimmt die Mischung nicht mehr. Seitdem gibt es keine Vorbilder mehr. Vielleicht ist aber auch ein Deutschland gemeint, dass derzeit als einzigen Ausweg aus dem Stillstand nur Straßenbau kennt. Der zu mehr Verkehr führt. Der wiederum mehr Verkehrstote fordert. Nein, ich habe nicht gegoogelt, ob hierzulande mehr Menschen durch Terrorismus sterben oder – dank einer vollkommen verfehlten Verkehrspolitik der Bundesregierung – unter LKWs begraben werden, die nahezu wöchentlich außerhalb jeder Kontrolle ins Stauende krachen. Brauch ich nicht googeln. Weiß ich auch so. Um diese gesellschaftlich akzeptierten Tode zu zählen, reicht ein Blick auf den Gruselnewsmix auf der GMX-Startseite. Darum fahre ich lieber mit dem Zug durch das „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Durch Funklöcher, die so groß sind wie das Saarland. Das sind zwölftausend Fußballfelder. Was ungefähr 80mal der Fläche von Finsterwalde entspricht. Ohne Eingemeindungen. Und ich sehe aus dem Fenster ein Deutschland, das aus immer mehr in den Wald wuchernden Eigenheimsiedlungen besteht. Die gebaut werden von Leuten, die sich das Geld dafür offensichtlich locker leisten können. Andererseits sehe ich auf den großen Bahnhöfen, wo noch Züge halten, ältere, abgerissene Menschen. Sie sind auf Schatzsuche. Sie werden immer fündig. Acht Cent für eine Pflandflasche stellen für sie eine konkrete Summe dar. Dafür lohnt es sich, geschickt mit der im Jackenärmel verborgenen Taschenlampe in versiffte Papierkörbe zu leuchten. Flink, gekonnt und unauffällig. Wie scheue Tiere, die man wirklich nur erblickt, wenn man sich auf die Lauer legt. Haben diese Leute auch ein Deutschland, in dem sie „gut und gerne leben“? Ist es das Deutschland, das ruhig und unaufgeregt auf den demographischen Wandel zu trödelt? Der ja laut Alexander ‚Sascha‘ Gauland ein „angeblicher demographischer Wandel“ ist, wie er in der sehr sehenswerten „Fahrbereitschaft“ mit Jörg Thadeusz im rbb weltfremd sagte.
Was also hätte ich gemacht, wenn auf dem Marktplatz meiner öden Kleinstadt plötzlich dieses Wesen aus einer mir verschlossenen Welt steht? Und sagt, alles wäre gut? Vermutlich hätte ich interessiert dem organisierten und von heimlichen Helfern dirigierten Trillerpfeifkonzert gelauscht. Und ich hätte gestaunt, dass dieses Wesen da vorn auf der Bühne eines jedenfalls offenbar besser kann als andere: einstecken. Aushalten. Aussitzen. Und aushalten können die Leute in Finsterwalde ja auch. Und wenn man von diesem Aushalten mal was zurückgeben kann, ist wieder ein bisschen Druck aus dem Kessel.
Und falls man noch nicht gänzlich innerlich emigriert ist, hört man in den Nachrichten Schnipsel aus Weltgegenden, in denen die Menschen jederzeit und ohne groß zu überlegen die Tragödie, die ihr Leben ist, nur zu gern gegen das triste Dasein in Finsterwalde eintauschen würden. Wenn man sie ließe. Wenn ihr Leben hier einen Sinn hätte. Wenn es nicht bestünde aus: verordneter Langeweile, Arbeitsverboten, vorgegaukelter Hoffnungmache, willkürlicher Abschiebung, gesetzlicher Willkür, gesetzlicher Ohnmacht und einem selbstbetrügerischen „Wir schaffen das“. Aber das ist eine ganz, ganz, ganz andere Geschichte.
Nein, sie müssen das nicht kommentieren.
 
 
Dieser Text ist mangels Interesse frei von folgenden Zusätzen: Alice Weidel (Steuerflucht und Dominastudio), Zuwanderung (Helene Fischer) und Heiko Maas (Ach, ach, ach).