Archiv des Autors: Christian Bennat

Eine 3 Kilo Hantel und eine Pulle Whisky

… erhält der Sieger des Best of-Slams in Hamburg. Beides befindet sich in meinem Rucksack. Allen potentiellen Rucksackdieben wünsche ich jetzt schon viel Spaß beim Mausen des tonnenschweren Reisegepäcks. Eigentlich wollte ich ja nur Werbung machen für mein Sologastspiel (Sologastspiel klingt um ein vielfaches edler als das profane „Auftritt“) im Hamburger Polittbüro am 29. April. Und wo sollte ein Werbeauftritt besser funktionieren als beim Best of-Slam am Ostermontag auf der Bühne des ausverkauften Hamburger Schauspielhauses, wo 1200 Leute sehen und hören können, was ich so tu. Und entscheiden können, ob sie das nicht nur zehn Minuten, sondern einen ganzen Abend lang sehen wollen. Werbung machen wollte ich. Und nun habe ich alter Sack mit meinem Kram diesen Slam auch noch gewonnen. Gegen blutjunge, mitten im Leben stehende Profislammer. Das klingt jetzt sehr nach „Opa hat noch mal einen hochgekriegt“ und das soll es auch und so fühlt es sich auch an. Geil nämlich. Faszinierend ist auch, vor dem Auftritt in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses (ich kann das nicht oft genug schreiben – Hamburger Schauspielhaus, Hamburger Schauspielhaus, Hamburger Schauspielhaus) dem bekannten Theatergott und nebenberuflichen Film- und Fernsehschauspieler, dessen Name einem nie einfällt, beim Verzehren eines übergroßen Reisgerichtes zuzuschauen. Welches er bis zum letzten Reiskorn vertilgt, nach einer Probe, die offenbar sehr kräftezehrend war. Ich könnte den Mann jetzt googeln, aber das WLAN im ICE ist langsamer als der ICE selber. Aus dem Kopf kann ich einige Produktionen nennen, in denen er mitspielte: „Stromberg – der Film“, „Tatortreiniger“, „Wir sind die Neuen“ und im grandiosen „Wellness für Paare“. Dies nur am Rand. Hauptsache ist: Ich hab gewonnen. Ha! Ach so: meinen Auftritt kann man bald auf dem YouTube-Kanal vom Kampf der Künste anschauen. Ungekürzt. Also besser als im Fernsehen.

Und nochmal: Hamburger Schauspielhaus.

Für viele war das schon Frühstücksfernsehen

Ich weiß, dass gezielte Desinformation, soziales Land- und Stadtgefälle, Politikverdrossenheit und klassische dumme Schuldenbockmentalität gegenüber Ausländern viele Engländer für den Brexit stimmen ließen habe keine Ahnung, was die Engländer reitet, aus der EU rauszuwollen. Für mich haben die Pfefferminzsoßengourmets nie wirklich dazugehört, hinter ihrem Wassergraben. Ich habe auch eine Erlärung für den Türkentrotz, nämlich jahrelanger institutionalisierter Rassismus und der Selbstbetrug, Deutschland sei kein Einwanderungsland auch keine Ahnung, warum und wovon Türken in Deutschland so beleidigt sind, dass sie sich auf die Seite von  Erdogan schlagen. Ich weiß nicht, was denen fehlt. Woran es ihnen mangelt. Deren Realität schlug sich in meiner Biografie nicht nieder. Aus geschichtlichen Gründen. Fühlen sie sich nicht ernstgenommen? Dann geht es ihnen vielleicht wie den Ostdeutschen, deren DDR-Biografien seit den 90ern häufig für null und nichtig erklärt oder schlicht ignoriert wurden, was sie jetzt, knapp 28 Jahre nach dem Mauerfall, immer noch nicht vergessen können, obwohl sich die Erde inzwischen einige tausendmal weitergedreht hat. Wenn  überhaupt, finden sie nur im Programm des mdr statt. Darum wird dieser Sender im Osten auch so häufig geguckt. Was mich allerdings in Sachen Pegida auch nicht schlauer macht. Weiß der Geier, was den Leuten fehlt, die da nach wie vor hingehen. Im Prinzip nichts, die wollen halt nur Recht haben. Das einzige, was ich weiß, ist: vor kurzem war ich im Fernsehen! Am Donnerstag, 6. April, NDR, 23.30 Uhr. „Intensivstation“ hieß die Sendung. Man kann sie in der NDR-Mediathek sicherlich noch anschauen. Den Link muss man aber selber suchen, mir fehlt dazu die Lust, da man meine Sprechnummer eh zusammengeschnitten hat. Aus Zeitgründen. Ich kann ja verstehen, dass man eine 90minütige Aufzeichnung irgendwie für die Ausstrahlung auf die 45 eingeplanten Minuten runterkürzen muss. Aber wem mit der Ausstrahlung zusammengeschnippelter Häppchen gedient ist, deren Aufzeichnung mit Kulissenbau, zwei Ü-Wagen, Maske, Kostüm, stundenlanger Probe sowie Band ein irrsinnig hoher Aufwand war, das kann mir keiner erklären. Selbst wenn er es versuchen würde, ich würde es nicht verstehen. Da kann ich ja gleich YouTuber werden. So! Naja, immerhin war ich in der Sendung auch mit einem Lied zu sehen. Und das kann man dem NDR nicht hoch genug anrechnen. Normalerweise heißt es nämlich, dass die Zuschauer wegschalten, wenn Musik kommt. Umso dankbarer bin ich und höre ja schon auf zu meckern. Fernsehen ist super. Jawohl.

Auf diesem Foto fragt sich der Kollege John Doyle, der neben Antonia von Romatowski und Hans-Hermann Thielke ebenfalls dabei ist, warum nicht er als great Amerikaner auf dem Werbeposter für die TV-Aufzeichnung in Einbeck ist. Sondern ein Ostdeutscher.

Ich weiß es doch auch nicht.

Warum geht im Osten nix?

Direkt nach meinem Auftritt im Comma in Gera verfasse ich noch schwer begeistert diese Zeilen. Im Comma in Gera hat schon jeder gespielt, der jetzt weltbekannt ist. Rammstein auch. Und Wanda, vor kurzem. Und ich. Heute. Im kleinen Saal zwar, aber immerhin. Das Publikum Ost ist toll, sehr toll. Meistens. Also oft. Also bis auf wenige Ausnahmen gilt: es hört auch die Zwischentöne, versteht die versteckten Gags und weiß sie durch entsprechende Reaktionen zu honorieren. Es ist sehr schön, im Osten aufzutreten. Da, wo eigentlich alles so schlecht sein soll. Einige Dinge sind es auch. Zweifellos. Beispielsweise stehen einige Häuser nur noch deswegen in den Innenstädten, weil ein Briefkasten dranhängt. Aber die Leute, die drumherum wohnen, sind es wert, für sie aufzutreten. Ich finde es sehr schade, dass das nicht öfter passiert. Meinerseits. Aber in diesem Frühjahr 2017 habe ich zumindest die Gelegenheit, in Erfurt, Plauen und Hoyerswerda (ja, auch da) einige einigermaßen bis sehr gute Abende zu erleben. Ich freu mich jetzt schon. Und zwar ernsthaft.

Abgesehen davon habe ich in diesem Hotel in Gera sogar Internet, das den Namen Internet verdient. Ich kann Netflix in HD kucken. Und nicht nur, wie sonst, in Pixeln. Dieses Internet hier hat Geschwindigkeit und ist nicht aus den 70ern, wie das Kupferkabelinternet so vielen anderen Herbergen und Landgasthöfen in den gebrauchten Bundesländern. Ich finde, das sollten alle wissen.

Hörer mailen – der Kolumnist antwortet

Vollkommen unerwartet leerte sich heute ein Füllhorn voller Beschwerdemails über mir. Es geschah direkt nach der Ausstrahlung meiner kleinen Glosse auf WDR 2, die ich ausnahmsweise mal nicht im Bewusstsein schrieb, damit jemanden zu verärgern. Ich fand sie einfach nur lustig. Es ging um das eigentlich belanglose Thema „Harte Arbeit“. Dies aber auch nur zweitrangig. Primär wollte ich einfach nur mal was lustiges über Brötchennamen machen. Hier zunächst mal der Text der Glosse:

Gibt es eigentlich noch richtig harte Arbeit? Ich frage mich das nur, weil Martin Schulz,  der Jesus aus Würselen, will, dass harte Arbeit wieder richtig entlohnt werden soll. Wenn ich die SPD so reden höre, von schwerer Arbeit, dann denke ich automatisch: Hochofen. Stahlkocher. Aber in diesem Land wird kein Stahl mehr gekocht. Von  Menschen. Gekocht wird hier höchstens Karotten-Ingwer-Suppe. Und wer kocht die? Der Thermomix. Nicht mal mehr in der eigenen Wohnung gibt’s noch richtig harte Arbeit. Staubsaugen? Macht der Staubsaugerroboter. Staubsaugerroboter reinigen? Macht der Staubsaugerroboterreinigungsroboter. Zähne putzen? Elektrische Zahnbürste. Es gibt die Spülmaschine. Elektrische Rollos. Brillenputzroboter. Treppenlift mit Tempomat. Und das Licht macht der Bewegungsmelder an. Was war das früher schweißtreibend, den Lichtschalter zu betätigen! Drei Tage lang Muskelkater im Finger. Ein Glück, dass wir das Licht nicht mehr selber anmachen müssen. Und wenn das Kind abends sein zugemülltes Kinderzimmer nicht aufräumen will, wird der Laubbläser angeschmissen. Man muss auch nicht mehr laufen, um den zu tragen. Man steht auf dem Segway. Die Beine müssen auch nicht mehr arbeiten. Was also meint die SPD, wenn sie von harter Arbeit spricht? Den Bäcker kann sie auch nicht meinen. Der knetet keinen Teig mehr, der taut tiefgefrorene Rohlinge auf, die aus derselben chinesischen Fabrik kommen wie das iPhone. Er denkt sich höchstens alberne Namen für diese Brötchen aus. Wenn ich Brötchen kaufe, komme ich mir vor wie ein Teletubbie. Wenn man mich fragt: „Und was bekommen Sie?“, rufe ich freudig erregt die Brötchennamen durch die Bäckerei. Anderen mag das peinlich sein. Mir nicht. „Ein Quarktöpfelchen, ein Rosinenmürbchen, einen Kraftprotz. Und einen Zimtwuppi.“ Ich weiß nicht, was ein Zimtwuppi ist, aber ich will einen. Ich lebe in einer Ecke der Welt, wo Frieden und Freiheit Normalität sind. Ich kann beim Bäcker laut „Zimtwuppi“ rufen, ohne dass sie mich abholen. Und: weil es immer mehr Bäckerläden gibt mit immer mehr unterbezahlten Bäckereifachverkäuferinnen, die richtig hart arbeiten müssen, um bei den immer bekloppter werdenden Brötchenwünschen ihrer Kunden nicht laut loszulachen, glaube ich, dass es zumindest seitens der Bäckereifachverkäuferinnen für die SPD richtig gut aussieht. Aber nur solange, bis die SPD auch diese Berufsgruppe so richtig schön verprellt hat.

Soweit so harmlos. Dachte ich. Und ich sollte mich irren. Zunächst die Mail von Frau Chr. Br., gesendet an die Moderatorin Steffi Neu. Weitergeleitet an mich und von mir mit Antworten versehen, die ich der Hörerin zugeschickt habe. Voila:

„Sehr geehrte Frau Chr. Br,

der WDR hat mir gerade Ihre Mail an Frau Neu weitergeleitet. Ihre vielen Zeilen verdienen es, respektvoll von mir Stück für Stück beantwortet zu werden. Los gehts:

Nachricht von Ch. Br.:
Sehr geehrte Frau Neu Ich habe gerade die Kolumne von Nils Heinrich (ich
hoffe, ich habe den Namen richtig verstanden…) verstanden.

>> Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sie verstanden haben. Meinen Namen haben Sie richtig verstanden, vielen Dank dafür. Aber: was sie da hörten war keine Regierungserklärung und keine Weltdefinition, sondern einfach nur ein kleines lustig gemeintes Stück, das sich im Zeitalter fortschreitender Automatisierung und Digitalisierung der Frage stellt, ob es wirklich noch ‚Harte Arbeit‘ gibt. Selbstverständlich ist mir klar, dass es unzählige Berufe gibt, in denen noch richtig körperlich hart gearbeitet wird. Davon ausgehend, dass das sicher jedem klar ist und ich das nicht mehr großartig sagen muss, weil es ja jeder weiß, habe ich die Zeile, die darauf hinwies, dass es durchaus noch Berufe gibt, in denen richtig hart gearbeitet wird, im letzten Augenblick noch gelöscht, weil sie mir zu welterklärerisch erschien und meinem kleinen Stück den Pfiff abhanden kommen ließ. Ja, ich persönlich habe die fragliche Zeile entfernt (gleich mehr dazu). Und das war wohl ein Fehler. Offenbar muss man heute alles erklären, weil die Leute es sonst in den falschen Hals kriegen.

Ich habe mich wahnsinnig darüber geärgert, dass Herr Heinrich sich über die „harte Arbeit“, die es ja angeblich in Deutschland nicht mehr gibt, auslässt. Ich kann gut verstehen, dass die Arbeit von Herrn Heinrich alles andere als „hart“ ist; im Sessel sitzen und den Kommentar, den ein Redakteur für ihn geschrieben hat vorlesen, stelle ich mir auch nicht so hart vor

>>> Da könnten sie richtig liegen, wenn es so wäre. Tatsächlich liegen sie aber knapp daneben, dann ich muss meine Texte leider selber schreiben, im Übrigen auf einem Sitzball sitzend. Schwer überlegend, welche Randgruppe ich diesmal nicht beleidigen darf. AfD-Fans, Impfgegner, im Internet kommentierende Rentner, Autofahrer sowie Deutsche im Großen und Ganzen hatte ich schon. Und auch die Ostdeutschen. Von denen ich selber einer bin. Oder aber ich schreibe die Glosse (ja, ich mache das selber – um mich nochmal zu wiederholen) zwischen zwei oder drei Auftritten im Zug. Denn es dürfte Sie überraschen, aber ich trete auch auf. Mit einem zweistündigen Bühnenprogramm. Vor Menschen, die das lustig finden. Ich verstehe auch nicht, warum die laut lachen, aber solange die das tun, mache ich das. Meinen schweren Koffer muss ich dabei selber in den ICE wuchten. Und auch wieder da raus. Denn ich habe kein Auto.  Und auch keinen Redakteur, der den Koffer für mich trägt. Ich mach das alles selber. Schön blöd eigentlich.

… Aber vielleicht sollte Herr Heinrich mal ein Praktikum als Krankenpfleger, oder als Polizist oder bei diversen anderen Berufen machen, die meiner Meinung nach alle „härter“ als Kommentar-Vorleser sind! Oder mal den job einer alleinerziehenden Mutter übernehmen. Bitte seien Sie so nett, dieses an Herrn Heinrich weiter zu geben. Mit freundlichen Grüßen
Ch. Br.

>>> Schön, dass sie mir ein Praktikum angedeihen lassen wollen, damit ich herausfinde, um wieviel härter es Menschen außerhalb meines Jobs als ‚Kommentar-Vorleser‘ geht. Sowas ist mir jedoch bereits vertraut, da ich mehrere Jahre in einer Backstube gearbeitet habe, direkt am Ofen, wo man durchaus mal 20 Kilo schwere Backbleche wuchten muss, die ganz nebenbei noch knapp 200 Grad heiß sind. An denen man sich richtig verbrennen kann, was mir auch mehrfach gelang. Zahlreiche Brandnarben an meinen Armen zeugen davon. Diese Narben waren vorher dicke eitrige Blasen, die man aufstechen musste, was echt wehtat. Und als Zivildienstleistender war ich so frei, alte und behinderte Menschen, gerne auch übergewichtig, anzuziehen, auszuziehen, auf das Klo zu heben, ihnen den Hintern abzuwischen, sie vom Klo runterzuheben, zu duschen und Ihnen ihre Hornhautfüße mit Melkfett einzucremen. Was ich nach meinem Zivildienst auch noch freiwillig in einem Ferienlager nur für Behinderte fortgeführt habe. Und weil Sie das Thema Kindererziehung ansprechen: Da meine Frau und ich uns zwei kleine Kinder zugelegt haben, verfüge ich – wenn man zwei Erwachsene und zwei Kinder durch zwei dividiert – auch einigermaßen über den Einblick in den Alltag einer alleinerziehenden Mutter. Wenn man so will. Wissen Sie eigentlich selber, was harte Arbeit ist, oder meinen Sie es nur zu wissen? Ich weiß es nämlich. Und ich habe es auch nicht vergessen. Ich bin da durchgegangen und darum darf ich darüber lachen. Bitte verzeihen Sie, dass ich Ihre Mail ebenso ernst beantwortet habe, wie Sie diese verschickten.

Danke fürs Lesen und fürs Zuhören.

Nils Heinrich

Das Schreiben dieser Mail bedeutete für mich drei Stunden harte Arbeit. Rückblickend hätte ich es einfacher haben können. Dreieinhalb Sätze hätten gereicht: „Vielen Dank für Ihre Mail. Ich bin leider der falsche Adressat, ich kann nichts für den Inhalt der Glosse, ich lese doch nur Texte vor, die andere für mich schreiben. Beschweren Sie sich bitte beim Autor.“ Hinterher ist man immer souveräner. Ein Hoch auf Antworten, die auf sich warten lassen.

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Herr M.E. schreibt bzw. spricht (vermutlich sehr erbost) in sein Telefon:

„Ich muss mich nicht beschimpfen lassen, dass ich nicht hart arbeiten würde. Aus welcher Motivaton erdreistet WDR 2 sich sowas? Ich hätte da gerne eine Rückmeldung, weil dieser Beitrag war absolut unverschämt.“

>>> Nunja, die Motivation von WDR 2 ist vermutlich Programmvielfalt, Meinungsfreiheit und Humortoleranz. Vermutlich müssen pro Tag irgendwie 24 Stunden Programm vollgemacht werden. Und man kann ja nicht immer nur Silbermond und Max Giesinger senden. Aber so genau weiß ich auch nicht, was für eine Motivation der Sender hat, um sich so zu erdreisten.

 

Nun noch Frau Br. A.-H., der ich ebenfalls per Mail geantwortet habe:

 

Sehr geehrte Frau A.-H., der WDR hat mir Ihre Mail weitergeleitet. Ich möchte zitierend darauf antworten:

Nachricht von Frau B. A.-H.:
Das macht mich richtig sauer. Von wegen es gibt keine harte Arbeit, dann geht mal in eine Krankenhausspülküche, wo die Frauen fast kochend heißes Geschirr aus dem Spüler raushieven müssen. Die Frauen werden behandelt, als wenn sie Menschen 2. oder 3. Klasse sind und schlecht bezahlt. Das ist ein richtiger Knochenjob und viele haben Artrose und ständig Rückenschmerzen.

>>> Ich weiß sehr wohl um solche Zustände. Ich habe sowas ähnliches sogar selber mal gemacht, nur mit dem Unterschied, dass es in der Backstube, in der ich Lehrling war, keine Spülmaschine gab (DDR, achtziger Jahre) und ich die mit verkrusteten Lebensmittelrückständen (Eiweiß härtet echt verdammt aus) eingesauten schweren Bäckereikessel mit bloßen Händen und kochend heißem Wasser reinigen musste. Mehrmals täglich, an fünf Tagen in der Woche. Man hat mich behandelt wie den letzten Dreck, denn ich war der einzige Lehrling in der ganzen Backstube. Das hat mich richtig sauer gemacht. Bezahlt wurde ich auch nicht gut. Außerdem nur mit DDR-Geld. Und meine Hände hat es rau gemacht. Von der verbrannten Haut und den abgebrochenen Fingernägeln will ich gar nicht erst reden.
Es gibt immer noch genügend Arbeitsplätze z.B auch am Bau, auch wenn heute
viel mit Maschinen gearbeitet . Mit über 50zig sind diese Leute körperlich
kaputt und dann heißt es zum umschulen zu alt, dabei sind es bis zur Rente
noch 17 Jahre. Also werden sie oft berufsunfähig und das bedeutet oft
arbeitslosigkeit bis zur Rente und dann eine Minirente. Und diese
Arbeitnehmer haben meist schon mit 15 angefangen zu arbeiten. Also soziale
Gerechtigkeit sieht für mich anders aus.

>>> Für mich sieht soziale Gerechtigkeit auch anders aus. Aber ich bin in dieser Hinsicht der falsche Adressat, ich bin kein Bauunternehmer, kein Gesundheitsminister und kein börsennotierter Krankenhausbetreiber und auch kein Inhaber einer Leiharbeitsfirma und schon gar kein reformbesessener Sozialdemokrat. Ich bin nur ein kleiner unbekannter Humorist, den die Radiohörer für einen Sprecher halten, der sich seine Glosse von Redakteuren schreiben lässt, um sie Dienstags ausgenüchtert einzusprechen, nachdem er sich Montags zwei Flaschen Wein reingepfiffen hat. Trotz alledem: Ich versuche weiterhin, den trostlosen Themen des Lebens etwas meiner Meinung nach Lustiges abzuringen. Mir ist klar, dass ich damit nicht jeden erreichen kann. Aber wenn der FC gegen Hertha gewinnt, freut sich auch kein Berliner. Allerbeste Grüße und Danke fürs Lesen und Zuhören. Nils Heinrich

Das Schlusswort in Sachen „heute sind alle so schnell beleidigt“ überlasse ich dem Kollegen Tobias Mann (Link klicken): https://www.youtube.com/watch?v=gPpK1G_e-jg

Der Lauscher an der Wand

Lieber Leser – du hast längere Zeit nichts aktuelles mehr gelesen. An dieser Stelle. Von mir. Tut mir leid, ich musste Leergut wegbringen. Nun aber meine WDR 2-Glosse von heute. Sie hat auch mit Pfandflaschen zu tun, irgendwie. Im weitesten Sinne:

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Noch bevor ich diese Glosse hier geschrieben habe, kannten die US-Geheimdienste schon das Thema. Weil ich nämlich laut drüber nachgedacht habe. Und das hat mein Fernseher mitgehört. Und weitergegeben. Mein Fernseher kann ins Internet gehen. Genau wie meine Heizung, mein Bügeleisen, mein Thermomix und vermutlich auch meine Socken. Diese ganzen Dinge sind online und finden sich im Internet besser zurecht als meine Mutter. Internet der Dinge nennt man das. Das Internet der Dinge ist eine Unterabteilung von CIA und NSA. Das haben die notorischen Geheimnisverräter von WikiLeaks enthüllt. Die haben außerdem enthüllt, dass im US-Generalkonsulat in Frankfurt am Main Geheimdienst-Hacker sitzen, die rund um die Uhr rumgrübeln, wie sie mich noch besser abhören können. Durch meinen Fernseher zum Beispiel. Aber wie? Wahrscheinlich arbeitet der Bildschirm dieser riesigen schwarzen Quizshowkachel wie eine Membran. Während mich Jörg Pilawa anglotzt, hören seine Ohren mich für einen Ami ab. Während ich zurück gucke. Aber an mir ist nix! Ich trenne Müll. Ich bringe Pfandflaschen weg. Ich räume die Spülmaschine ein und ich räume sie auch wieder aus. Ich trage dabei sogar Unterwäsche. Und beim Zähneputzen läuft mir immer der Zahnpastaschaum aus dem Mund so an der Hand runter. Zweiundachtzig Prozent aller Männer haben dieses Problem. Als Krönung meiner Langweiligkeit bin ich sogar in der evangelischen Kirche. Mein Smartphone weigert sich, Selfies zu machen. So langweilig bin ich! Und das ist der Grund. Über Attentäter und ähnlich fiese Zeitgenossen heißt es doch hinterher immer: er war ein unauffälliger Nachbar, der im Treppenhaus freundlich grüßte. Es heißt nie: er war Atomphysiker, der in seiner Freizeit Lena Meyer-Landrut-Büsten aus Essstäbchen bastelte. Ich! Bin! Normal! Und darum bin ich verdächtig! Also hört man mich ab. Um Terror zu verhindern. Das ist ja der ganz große Klassiker unter den Begründungen. Und ein nobles Ansinnen der Amerikaner. Terror verhindern ginge aber auch viel einfacher: einfach mal nicht so oft irgendwo einmarschieren und Unordnung stiften, weil man Land und Leute nicht versteht. Ihr Amis könntet euch die Freundschaft anderer Völker sichern, indem ihr euch auf das beschränkt, was ihr am besten könnt: Fernsehserien. Den ganzen Rest machen mittlerweile eh die Chinesen. Und das auch noch besser als ihr. Guckt euch nur mal deren Mauer an.

Das Abenteuer ruft

In der Pause (!) meines gestrigen Auftrittes im Apollokino Hannover haben zwei Damen gefragt, wann denn endlich das Vorprogramm vorbei ist und der Herr Markus Barth seinen Auftritt beginnt. Nachdem zuständige Fachkräfte den beiden Besucherinnen vorsichtig und einfühlend erklärten, einen (!) Monat zu früh im Kino erschienen zu sein, weil der Herr Markus Barth hier zwar auftritt, aber erst am 6. März 2017, die Pause zwischen Vorprogramm und Hauptact also einen ganzen Monat lang ist, blieben die beiden überpünktlichen Damen dann tatsächlich noch bis zum Schluss. Und hatten angeblich auch Spaß. Aber das wollte ich gar nicht mitteilen. Bekannt machen wollte ich die Weltöffentlichkeit mit der Tatsache, dass meine heutige Glosse auf WDR 2 ursprünglich einen anderen Text hatte, der dann aber verworfen wurde. Nämlich diesen hier:

Februar. Die Influenza geht um, überall ist der Salbeitee ausverkauft. Höchste Zeit, den Sommerurlaub zu planen. Hier unsere Reisetipps: Ägypten. Urlauben Sie preisgünstig in der stabilen Militärdemokratie mit Pyramidenhintergrund. Erholen Sie sich im All-Inclusive-Hotel am Mittelmeer. Mit all den anderen, die diese Reise auch bei Lidl-Reisen gebucht haben. Dieselben Leute, die sonst in der Kassenschlange über die Kassenschlange meckern, beschweren sich nun neben Ihnen im Liegestuhl über die Hitze. Genießen Sie im eingezäunten Strandabschnitt den einzigartigen Ausblick dahin, wo am Horizont ein volles Fluchtboot im Meer versinkt. Haben Sie es im Urlaub gerne einfach, umstandslos und ein ganz klein wenig wie zuhause, haben aber Angst vor einem Urlaub in Ostdeutschland? Dann Urlauben Sie in den USA! Ein Land, in dessen Provinz es genauso aussieht wie in Ostdeutschland. Also früher, in den 80ern. Wo die Leute genauso wählen wie in Ostdeutschland. Also heutzutage. In den USA werden sie im Gegensatz zu anderen zweifelhaften Ländern von kulinarischen Experimenten verschont. Hier dürfen sie nicht nur mit den Händen essen – sie müssen, weil es kein Besteck gibt. Und nach ihrer Rückkehr in die Heimat bescheinigt Ihnen ihr Arzt amerikanische Werte: Blutfettwerte. Trauen Sie sich im Urlaub nicht ins Ausland, weil dort so viele Ausländer sind. Oder machen Sie Urlaub in Spanien. Herrlich: Kein Spanier weit und breit. Die Massenarbeitslosigkeit sorgt für herrliche Ruhe. Wer Spanier sehen will, soll nach Berlin fahren. Da arbeiten die jetzt alle. Sie wollen wissen, wie es ist, dafür beschimpft zu werden, dass man Deutscher ist, möchten aber nicht schon  wieder in die Schweiz fahren? Dann Urlauben Sie doch in Großbritannien. Neben einer eigenen Währung, einer steinalten Königin und einer fragwürdigen Straßenverkehrsordnung ist das Land vollkommen frei  von allem. Vor allem von der EU. Einer Versammlung von Ländern, die sich darin einig sind, dass sie sich uneinig sind. Und die trotzdem keinen Krieg gegeneinander führen. Regiert von einer Kommission, die keiner gewählt hat. Oder ist Ihnen eigentlich alles egal und sie wollen einfach nur Urlaub machen? In  einem Land, wo man sich so um sie kümmert? Weil man sie schätzt? Weil Sie der einzige Mensch sind, der dort noch Urlaub macht? Dann fahren Sie doch in die Türkei. Wofür auch immer Sie sich entscheiden: Gute Reise!

Nach Überlegung, Rücksprache, Konsultation und insichreinhorchen mit dem Resultat „Abgehangen, Gesinnungsapplausheischend, nach bestätigenden Hörerrückmeldungen gierend“ habe ich das ganze neu geschrieben. Heraus kam was ganz anderes, womit ich mehr anfangen konnte. Nämlich das hier:

 

WDR 2 Kabarett | 7. Februar 2017| Nils Heinrich: Urlaub in der EU

Bekanntlich fliegt ja in diesem Jahr die EU auseinander. Diese lustige Ansammlung kurioser Länder, die sich darin einig sind, dass sie sich uneinig sind. Regiert von einer Kommission, die keiner gewählt hat. Diese EU wird nach den Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und Deutschland offiziell abgeschafft. Dann dürfen Sie an der Grenze wieder Ihren Ausweis zeigen. Vorausgesetzt, sie haben ihn noch nicht abgegeben, weil sie Reichsbürger sind. Moment – hab ich gerade Ausweis gesagt? Ich meine natürlich Reisepass. Falls Ihnen die Diktatur Ihrer Wahl einen gibt. Nach dem Ende der EU darf man sich auch wieder den Kopf zerbrechen beim Währungsumrechnen. Wie wäre es also, den Urlaub in der EU zu verbringen? Solange sie noch da ist? Staunen Sie, wie schnell dieser Urlaub zum Abenteuerurlaub wird. Wie wäre es mit einer Reise nach Estland, Lettland oder Litauen. Lassen Sie sich im Baltikum von flächendeckend funktionierendem WLAN überraschen. Von einer Bevölkerung, die die EU, hihi, gut findet. Outen Sie sich dort einfach mal aus Jux als Putin-Versteher. Kritisieren Sie den Einheimischen gegenüber die Nato-Osterweiterung. Auf Russisch. Finden sie heraus, wie schnell sie rennen können. Oder fahren sie nach Nordirland. Das ist gerade noch so EU-Mitglied. Flanieren Sie durch ein katholisches Viertel in Belfast, tragen sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Lutherjahr zweitausendsiebzehn“. Finden Sie heraus, wie schnell sie rennen können. Nachdem sie ein rettendes protestantisches Stadtviertel erreicht haben, werden Sie ein ganz klein wenig erschüttert sein, weil Sie Mauerbau irgendwie gar nicht mal mehr so schlecht finden. Oder: Sie wollen zwar gerne mal ins Ausland, stören sich aber prinzipiell an den vielen Ausländern dort? Dann fahren sie doch nach Spanien. Da ist es herrlich ruhig. Dank der Massenarbeitslosigkeit. Kein Spanier weit und breit. Die sind jetzt alle in Berlin. Und arbeiten da. Dank der EU-Freizügigkeit. Sollten Sie allerdings GAR keine Lust auf die EU verspüren, sondern Ekel, Hass und Abscheu, dann fahren Sie nach Brüssel. Schimpfen und zetern Sie direkt vorm EU-Parlament, das diese Verbrecher-EU abgeschafft gehört, sofort, jetzt gleich. Werden Sie verhaftet? Oder erschossen? Nein. Wir sind ja nicht in der Türkei. Hier, in Brüssel, kriegen sie für ihre konstruktive Kritik einen Sitz im EU-Parlament. Wo Sie mit freundlicher Genehmigung der EU so richtig gut bezahlt die EU bekämpfen dürfen. So lange es sie noch gibt.

Dumb da Shit!

Da mich keiner drum gebeten hat, gebe ich nun auch eine Ferndiagnose zu Donald Trump ab. Nein, eigentlich eher zu denen, die ihn gewählt haben und auch nach all seinen komplett hirnrissigen Alltagsaktionen immer noch supi finden. Also. Endlich hat ein Volk, das größtenteils aus wirklich sehr sehr einfach denkenden Menschen besteht, einen ebenbürtigen sehr sehr einfach denkenden Menschen als Präsidenten. Die meisten Amerikaner wissen ja zunächst mal gar nicht, dass es außer ihrem Land noch irgendwas anderes gibt. Sie kennen ja nicht einmal ihr eigenes. Die wenigsten von ihnen dürften jemals in New York gewesen sein. Aber warum auch, die USA sind so groß, dass schon ein Ausflug in die Nachbarstadt genug Aufregung für ein ganzes Menschenleben bietet. Wenn man nicht viel erwartet. Und viele erwarten nicht viel. Das hat ihnen die landeseigene Spielart des aktuell gültigen Gesellschaftssystems gründlich ausgetrieben. Für viele US-Amerikaner ist ein Besuch in Las Vegas das einzige, was sie im Leben wollen. Eine unübersehbar große Gruppe von ihnen trägt immer noch Frisuren aus den Achtzigern spazieren. Und ihnen allen war Schweden, dieses obskure Land in den Alpen, wo die Kängurus leben, noch nie geheuer. Sie sehen rund um die Uhr Fernsehen. Also die meisten. Stupide Sitcoms und dumme Talkshows. Unterbrochen von Werbung, größtenteils für Essen. Für Fastfoodketten, Gefrierkost, Diätgetränke und Fettfreie Snacks. Sie haben rund um die Uhr Angst davor, ihren Job zu verlieren. Wenn sie was unternehmen wollen, fahren sie mit ihren fetten Autos auf einen Schießplatz und verfeuern Munition. Und wenn man ihnen sagt, woher man kommt (Europa), fragen sie, wie man dort nur überleben kann. Es kann schon vorkommen, dass dort erwachsene Menschen, die durchaus ein Gehalt für eine geregelte Arbeit bekommen, einen ganzen Mund voller verfaulter Zähne mit sich herumtragen. Weil sie sich keinen Zahnarzt leisten können. Ein egoistisches Land voll mit egoistischen Menschen, die voll auf Schmerzmittel sind. Oder gleich auf Heroin. Der durchschnittliche weiße US-Amerikaner stirbt sehr wahrscheinlicher an einer Überdosis viel zu billigen Heroins als an einem islamistischen Anschlag. Selbst Schusswaffen bringen nicht so viele Leute um wie das flüssige Glück aus der Kanüle. Jeden Tag machen mehr als einhundert Menschen in den USA nach einem goldenen Schuss den Abgang. Dieses Land ist so am Ende, dass selbst ein stockbesoffener Bugs Bunny Präsident werden könnte. Nun ja, eine Art Bugs Bunny ist ja jetzt auch Präsident. Kein Trost, sondern eher eine Bestätigung, in was für einen kollektiven Zustand das Humankapital abgerutscht ist, welches dieses riesige Land mit den lose runterhängenden Stromleitungen, den Puppenstubenlichtschaltern und den rumliegenden Reifenteilen bevölkert. Sie glauben tatsächlich, der Chinese hätte ihre Jobs gestohlen. Dabei war es zuerst WalMart, der seine Zulieferer zwang, ihre zumeist überflüssigen Produkte noch billiger und noch billiger herzustellen. Da dies in den USA keiner machen konnte, hats der Chines übernommen. Der sich clevererweise in all den Jahren das weltweite Knowhow für Spitzenprodukte aller Art, einschließlich dort gedruckter Kleinkindbilderbücher, eingeheimst hat und nun in der Lage ist, die Welt damit zu versorgen. Herzlichen Glückwunsch, USA. Ihr habt nur allzu gerne weggegeben, was ihr mal konntet. Zurückkommen wird es nicht mehr. Spendiert euch noch einen schönen Druck und dämmert fein weg. Glaubt ruhig, dass euch eine Mauer retten wird. Und strenge Einreiseregeln. Die so streng sind, dass bald niemand mehr einreisen mag. Ich frage mich eigentlich nur noch, wie man es fertigbringt, trotz all dieser intelligenten Widrigkeiten großartige Filme, Serien und Comedy zu produzieren. Sollte dieses Land doch nicht so schlecht sein, wie einige (ich) behaupten? Hat es wirklich mehr zu bieten als Gott, Geld und Waffen? Will man die US-Amerikaner in die Knie zwingen, muss man ihnen eigentlich nur drei Dinge nehmen: Eiswürfel, Klimaanlagen und Erdnussbutter. Und schon sind sie komplett am Ende. Es ist fast schon zu einfach. Man liest je derzeit viel über den teuren Staatsunterhalt der kinderreichen und reisefreudigen Präsidentenfamilie. Auch diese Geldverschwendung lässt einen lächeln. Denn je mehr Geld für die Bewachung von Melania, Ivanka, Donald Jr. undwiesiealleheißen ausgegeben werden muss, umso weniger Geld steht der Aufrüstung zur Verfügung. Insofern ist Trump vielleicht doch das Beste, was der Welt außerhalb der US-amerikanischen Mauern passieren konnte.

Olé, olé olé olé, SPDehe, olé!

Und hier wieder der Text zur heutigen Glosse auf WDR 2. Finden Sie selbst den Satz mit der Dopplung, die mir erst lange nach Überspielung des fertig produzierten Stückes auffiel.

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WDR 2 Kabarett | 14. Februar 2017 | Nils Heinrich: Goldene Zeiten

Wir leben in einer historischen Zeit. Nachkommende Generationen werden uns beneiden um das, was wir gerade erleben: Den Aufstieg der SPD. Der schlecht gelaunte Sigmar Gabriel ist ins Exil namens Außenministerium gegangen. Er bereist fremde Länder, um zu kucken, wie die Waffen funktionieren, die er als Wirtschaftsminister dahin liefern ließ. Und kaum ist er weg, steigt die Stimmung! Lichtgestalt Martin Schulz lässt die Umfragewerte explodieren. Die SPD, die gestern noch die Anziehungskraft eines leergekauften Schleckermarktes besaß, ist jetzt heißer als ein Thermomix. Der SPD-Parteiausweis ist DAS Statussymbol! Vergessen Sie den Sylt-Aufkleber! Allein in den letzten zehn Minuten sind dreihunderttausend Deutsche online zu Sozialdemokraten geworden. Was ist das Geheimnis des Erfolges? Sind es die sinnlichen Lippen von Martin Schulz? Sein tiefer Blick? Sein leichter Aachener Zischsprachfehler? Oder einfach die alte Fußballtatsache, dass man jedem Auswechselspieler zujubelt, der im letzten Drittel der neunzigsten Minute eingewechselt wird, um mit der Kraft der Verzweiflung endlich, endlich die zehn Gegentore auszugleichen? Hat das Treiben des irren US-Präsidenten den Leuten die Augen geöffnet, was auch hier passieren kann, wenn muffig riechenden Leberwurstnationalisten keine hippe Politik entgegengesetzt wird? Martin Schulzi Schulz ist der Smoothie mit dem extra Power. Wird jetzt alles besser? Aber sichi! Wenn Martin Schulz Kanzler wird, hält die Gerechtigkeit Einzug. Das soziale Gefälle wird mit einem Keil begradigt. Hass und Missgunst hören auf. Die BILD-Zeitung darf nur noch eine Schlagzeile haben: den Kontostand von Friede Springer. Wer auf Facebook mit seinem Essen angibt oder auf Instagram mit seinem Waschbrettbauch, wer mit dem Porsche Cayenne durch die Innenstadt fährt und im Winter Erdbeeren kauft, muss Vergnügungssteuer abdrücken. Hartz vier wird abgeschafft. Aus Jobcentern werden Wellnessoasen. Die Kunden, die früher mal Arbeitslose hießen, bekommen tägliche Fußmassagen und Schlammbäder aus Schokoladenpudding – selbstverständlich Laktosefrei. Die Rente ab vierzig wird eingeführt. Und die deutsche Fußballnationalmannschaft wird ab sofort von Oettinger gesponsert. Die SPD wird so links, wie sie es seit hundert Jahren nicht war. Oskar Lafontaine tritt wieder ein, die Linkspartei löst sich feierlich auf und wenn Sarah Wagenknecht ins Fernsehen will, muss sie bei QVC Haarnadeln verkaufen. Alles wird gut. Und wer das nicht glaubt, kann ja in die USA auswandern.

Autistisches Nullnetzwerk

Wer Postings von mir sucht, weil er sonst nichts zu tun hat, der muss ab nun hier auf dieser Seite bleiben. Denn: Ich klinke mich aus meiner offiziellen Facebookseite aus und lasse sie als Karteileiche im digitalen Orbit vor sich hinverwesen. Tut mir leid, Mark. Es hätte ein tolles Ding werden können mit uns zwei’n. Aber leider ist deine einstmals vielleicht ganz nette Idee zu einem Spätjugendclub für Aggro-Orks verkommen, reglementiert lediglich von nippelallergenen, hocheigenwilligen Algoritmen, deren binäre Launen ganz allein darüber entscheiden, ob Einträge für Follower sichtbar sind oder nicht. Am Ende des Tages, nach Einpflege extrem einfallsreicher Postings und Bildchen, stellt der Seiteninhaber dann fest, dass unnötig Lebenszeit verronnen ist. Für Einträge, die niemand sehen kann. Einziges Resultat dieser Investition: ein Nacken so steif wie der Cordhut auf dem Kopf eines bewaffneten, leicht reizbaren Rechsbürgers. Das ist mir zu doof. Darum sage ich Tschüss zu Facebook und arbeite mit meinem Team an neuen Öffentlichkeitskonzepten zum Erlangen der Weltherrschaft. Make Nils great again!
Und wer darauf baut, dass ich manchmal Zeugs ins Internet schreibe – das tu ich weiterhin. Hier, auf dieser Seite. Die hat nämlich einen Blog. Ist das nicht der Wahnsinn?
Doch! Und das allertollste ist: Man muss ihn nicht abnonnieren. Denn man kann ihn gar nicht abonnieren. Think different! Und handle antizyklisch. Und das allerallertollste: Man muss ihn nicht kommentieren. Denn man kann ihn gar nicht kommentieren. Ha!

Man kommt ja zu nix!

Oft wünsche ich mir, auch einer dieser älteren wütenden Blogger zu sein, die eingesponnen in ihre eigenen wilden Weltbildwahrheiten ihren Breitbandanschluss dazu nutzen, das Internet mehrmals täglich mit ihren Weisheiten zu versorgen. Man kennt ihre Namen, man hat ihre Gesichter vor Augen. Würde ich auch gern. So Zeug bloggen. Ich habe aber keine Zeit. Ich habe zwei Kinder, eine Spülmaschine und viele andere Dinge, die pausenlos große Teile meiner wenigen Lebenszeit für sich beanspruchen. Ich schaffe es ja gerade mal, eine wöchentliche Glosse für den Zwangsgebührensender WDR 2 zu schreiben. So auch diesmal. Sie heißt einfach nur „Vier Jahre Trump“, könnte aber auch heißen „Was hat der Irre heute wieder angestellt“. Das ist nämlich die Frage, die ich mir morgen für morgen stelle. Und es gibt wirklich ein Füllhorn an kranken Ideen, die Trump in die Tat umsetzen könnte. Meine Auflistung ist sicher nicht mal halb so krass wie das, was den USA noch alles bevorsteht. Wenn kein Amtsenthebungsverfahren dazwischen kommt. Ein Gutes hat das ganze: Die Zeit der drögen, erlebnisfreien Weltpolitik ist erstmal vorbei.

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WDR 2 Kabarett | 31. Januar 2017 | Vier Jahre Trump

Erschrocken erleben wir gerade, dass ein US-Präsident seine Wahlversprechen tatsächlich umsetzt. Wohin wird das führen? Ich wage mal einen Ausblick darauf, wie die USA in knapp vier Jahren aussehen werden. Im Jahr 2021. Wenn Donald Trumps Amtszeit endet. Also: Die USA bestehen fast nur noch aus Golfplätzen, Maisfeldern, Frackingfeldern, Casinohotels, Klimaanlagenfabriken und Schießständen. Google, Facebook und die restlichen Firmen aus dem Silicon Valley sind weggezogen in die Steueroase Großbritannien. Frankreich hat die Freiheitsstatue zurückgeholt. Die Hälfte der US-Bevölkerung ist gleich mit ausgewandert. Die Mauer zwischen Mexiko und den USA gilt als größte Touristenattraktion der Welt. Von mexikanischer Seite ist sie ebenso bunt bemalt ist wie früher die Berliner Mauer in Westberlin. Nach Mexiko darf man nämlich einreisen. Es ist das sicherste Land der Welt, seit keine Waffen aus den USA mehr dorthin gelangen und Drogenschmuggel Richtung USA keinen Sinn mehr macht. Die USA hingegen lassen schon lange gar nichts mehr rein. Immigration gilt als Terrorismus. Erst traf es Moslems. Dann alle Menschen, die bei deutschen Autofirmen arbeiten oder ein deutsches Autos gekauft haben. Und alle, die kein in den USA gebautes Smartphone besitzen. Also alle. Apple muss sein iPhone in den USA produzieren lassen. Das total überteuerte Teil, aus US-Stahl geschmiedet und mit US-Mikroelektronik gespickt, ist außerhalb der USA unverkäuflich. In den USA benutzen es die Leute als Hantel, mit der man fotografieren kann. Die Nationalparks der USA wurden privatisiert und teilweise in Maisfelder, Frackingfelder oder Bauland umgewandelt. In einigen stehen nun russische Atomkraftwerke. Aus anderen hat man Trump-Golfplätze gemacht. Mit angeschlossenen Trump-Casinohotels. Jeder US-Bürger muss einmal im Jahr tausend Dollar in einem Trump-Casino-Hotel lassen, sonst verliert er seine staatsbürgerlichen Rechte. Überhaupt: zur Wahl zugelassen sind nur noch weiße, hundertfünfzig Kilo schwere Trump-Sympathisanten, die jeden Tag aus patriotischem Pflichtgefühl fünf Gallonen Cola trinken, alle Chuck Norris-Filme kennen, Umweltschutz für eine chinesische Erfindung halten und an den Osterhasen glauben. US-Präsident Trump blickt derweil seiner zweiten, lebenslangen Amtszeit entgegen. Dafür hat die sympathische vierundsiebzigjährige Lichtgestalt per Dekret die Verfassung ändern lassen. Und wenn er doch mal sterben sollte, regiert er einfach weiter. Tiefgefroren. Oder als Hologram. So genau weiß er das noch nicht. Ist ja auch noch etwas Zeit. Hua!