Blog

Ein kleines Wunder

12. Mai 2017

„Ich kannte ein Mädchen in Plauen, da bin ich bald abgehauen“ – diese Zeilen würde Ingo Insterburg heute vermutlich aktualisiert singen. Der freche Barde würde „Mädchen“ durch „Rentner“ ersetzen. Denn Plauen ist eine dieser typischen überalterten Oststädte, denen es mal wesentlich besser ging. „Das war mal die reichste Stadt in Deutschland“ klärte mich eine Besucherin nach dem Auftritt im Malzhaus auf. „Wann denn?“ frage ich ehrlich interessiert. „Zur Jahrhundertwende“ sagt sie. „Zu welcher Jahrhundertwende?“ frage ich zurück. „Na, 1900!“ erwidert sie. Alles, was damals in Deutschland produziert wurde und Reichtum schuf, wurde also in Plauen produziert und schaffte dort Reichtum. Plauener Spitze logischerweise, aber auch Schwerindustrie, Leichtindustrie und überhaupt Industrie. Das ist aber nur wirklich schon lange her. Der Boom hatte Plauen bereits lange vor Geburt der guten Frau verlassen. Kurz nach Ende des ersten Weltkrieges nämlich war der Goldrausch in Plauen nach 20 Jahren schon wieder vorbei. Wie das so ist mit Konjunkturspitzen, irgendwann sind sie abgefeilt. Aber nachtrauern wird man der guten alten Zeit ja wohl auch heute noch dürfen. Heute, wo die letzten der wenigen Jobs nach Polen abwandern oder in noch unaussprechliche Länder. In den Schaufenstern vieler Läden rufen „Zu Vermieten“-Zettel stumm um Hilfe. In der Innenstadt ist es in bestimmten Momenten tagsüber leiser als auf einem Friedhof. Manchmal miaut eine Katze, entschuldigt sich aber sofort für die Ruhestörung. Wenn man genau hinguckt, sieht man durchaus junge Leute. Aber ins Auge fallen in einer verlassenen, vereinsamten ostdeutschen Innenstadt nun mal eben die sehr gut dazu passenden Rentner und die Trägen, die die Bürde ihres eigenen Übergewichts mit sich herumschleppen. Mich wundert immer noch, dass ungefähr 150 Zuschauer zu meinem Auftritt kamen. Gerechnet hatte ich mit einer wesentlich übersichtlicheren und kleineren Zahl. Denn auch mein Business hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Scheinbar jeder junge Mensch, der sein Leben als Comedian oder Slammer in einigermaßen unterhaltsame Worte kleiden kann (so wie ich) drängt mittlerweile auf die Bühne (so wie ich). Poetry Slam ist heute ein anderes Wort für Zivildienst. Auf der Bühne wird es also langsam voller als im Zuschauerraum. Denn das Publikum wird ja nicht automatisch mehr – da kann Frauke Petry noch so viele Kinder fordern und selber mit gutem Beispiel vorangehen. Und das potentielle Publikum geht ja auch nicht automatisch häufiger abends aus, nur weil auf den Bühnen viel mehr los ist als früher. Zusätzlich sind die Leute übersättigt durch unfassbar viele lustige Lachsendungen im Fernsehen, die ihrerseits wieder auf Facebook vertreten sind. Parallel dazu finden in jedem Kaninchenstall landauf landab verdammt lustige Comedymixshows statt. Nirgendwo ist man mehr sicher vor Lachsalven, hinter jeder Ecke dieses Landes lauert ein Humorist, um sein argloses Opfer mit lustigen Knallergags zu belästigen. „Mich wundert ja, dass überhaupt noch jemand kommt“ sagte kürzlich ein altgedienter berühmter Kabarettist zu mir, mit dem ich auf einer Zugfahrt plauderte. Als er diese abgeklärten Worte sprach, dachte ich: „Mich auch.“ In wenigen Tagen hätte es mich zu einem Auftritt in Hoyerswerda verschlagen. Einer Stadt, über die man selbst in Plauen sagt: „Ach du Scheiße! Da ist ja gar nichts mehr.“ Außer einem gleichzeitig stattfindenden Musikfestival, vermutlich umsonst und draußen und mit Matthias Reim als Stargast. Und dementsprechend wenig verkauften Eintrittskarten für mich. Also noch weniger als ich dachte. Darum haben wir den Auftritt verschoben. Auf den 6. Dezember. Nikolaustag. Wo man den anderen was in die Schuhe schieben kann.