Blog

Hinter den Kulissen des Bühnenhumors

16. Juni 2017

Oft beneide ich den Zuschauer ja nicht. Ganz besonders beneide ich den Zuschauer nicht, weil ich weiß, dass er die wirklich hörenswerten Dinge einer Comedymixshow nicht zu hören kriegt. Ich meine Klatsch, Tratsch und Branchengeheimnisse, die fünf ausgewachsene Altcomedians Backstage im Quatsch Comedy Club von sich geben. Zwei Westfalen, ein Ösi, ein Ossi und ein Kölner. Fünf reife Herren, jeder für sich zu alt für Nigthwash, aber noch gerade gut genug für den Quatsch Comedy Club, das Gut Aiderbichl für Comedians, den Gnadenhof für Humoristen. Herrlich zu sehen, welche hasserfüllten Stories über diesen einen branchenbekannten Zeitgeist-Comedian aus jedem einzelnen rausbrechen. Es sind schadenfrohe Schilderungen dabei, die von Buh-Rufen im Publikum handeln, während der allseits überschätzte Heiopei auf der Bühne stand. Hochunterhaltsam auch die bunt ausgeschmückten Augenzeugenberichte über Zornattacken langjähriger Bühnenprofis, die an die Decke gehen wie ein Schnellkochtopf, weil sie ein kleiner YouTube-Kasper mit dem Ego eines Mon Cherie-süchtigen Gebrauchtwagenverkäufers direkt im Bühnenaufgang darüber aufklären will, was auf der Bühne funktioniert und was nicht. Erwähnen möchte ich auch kurz die ausführlichen Augenzeugenberichte über handfesten Garderobenkrach bezüglich vermeintlich politischer Einstellungen „von euch alten AfD-Kabarettisten“, die so spannend sind, dass Popcorn gereicht wird. Nicht vergessen möchte ich auch die süße Attitüde einer viel zu schnell nach oben gespülten Witzeverhasplerin aus dem Privatfernsehen, die auf der Bühne großzügig ihr Zeitlimit neu auslegt, weil sie dank der ihr verliehenen Massenmediumsallmacht meint, das Publikum sei selbstverständlich ausschließlich wegen ihr da. Fröhlich lockeres von Herzen ablästern, mit der Gelassenheit abgebrühter Zirkuspferde, die alles, wirklich alles schon gesehen haben. Die auch schon diverse Male von Shootingstars überholt wurden, nur um etwas später ganz entspannt wieder an den Opfern des Haifischbeckens Deutsche Comedy vorbeizuziehen. Das alles findet hinter der Bühne statt. Aber nicht immer. Man muss schon Glück haben und live dabei sein. Denn meistens passiert ja backstage gar nichts. Außer dem Öffnen einer Wasserflasche (still) hört man auch kein Geräusch. Aber wenn es der Spielleitung durch ein wirklich außerordentlich glückliches Händchen bei der Künstlerauswahl gelang, einen Kabarettisten mit dem Charme einer lodernden Fackel und einen Comedian mit den Eigenschaften eines übervollen Benzinfasses zusammen in die Show zu buchen, wird es grandios. Nicht für den Zuschauer. Sondern für die anderen Auftretenden, die in den Katakomben des Friedrichstadtpalastes den besten Teil der Show sehen dürfen und dafür sogar noch Gage bekommen. Alles live. Keine Kamera läuft. Lediglich die Dabeigewesenen können der Nachwelt berichten, was vorfiel. Herrlich. Der Masse im Saal bleibt der Zickenkrieg im Hinterzimmer des Humorbergwerkes leider leider verborgen. Und darum beneide ich die Zuschauer nicht. Am allerbesten ist jetzt natürlich, dass ich hier leider leider keine Namen nennen darf. Haha!
Aber das allerschönste ist die Tatsache, endlich mal wieder auf Bühnenkollegen zu treffen, die noch wissen, wie man sich miteinander unterhält. Die sich nicht ausschließlich dem Smartphonegestützten Tuning ihrer Followerzahl widmen. Weil ihnen die Show und die Kollegen und das ganze drum herum kackegal sind. Dabei wird die sogenannte Followerzahl von Facebook selber manipuliert, dass weiß ich. Steht alles im Illuminaten-Newsletter, den ich abonniert habe. Ich zum Beispiel habe nicht mehr als 23 Follower, aber Facebook macht mir weiß, ich hätte mehr. Mir ist das aber ganz egal. Und den gerade mit mir auftretenden alten Säcken auch. Keiner von denen hat ohne Unterlass seinen „digitalen Diktator“ (Harald Lesch) in der Pfote.
Der Grund dafür ist vielleicht aber auch einfach, dass im Backstage des Quatsch Comedy Clubs zu Berlin der Handyempfang sauschlecht ist. Und das WLAN keinen Deut besser.
Und das ist auch gut so.
Mal abgesehen von meinem Branchengesabbel lohnt sich der Besuch im Quatsch Comedy Club Berlin diese Woche (noch bis Sonntag) ganz besonders, denn die Kollegen sind sehr witzig. Witziger als sonst. Als die anderen sonst. Ehrlich! Darum war‘s gestern auch nahezu ausverkauft. Am Donnerstag. Es gibt noch Wunder!

P.S: Das Foto zeigt mich mit der Tapetenpamela an der Wand meiner Garderobe. Ich versuche so zu gucken wie Donald Trump, wenn er gleich vom Teleprompter abliest, wenn er fotografiert wird, wenn er gerade mal wieder sauer auf die Russen, das FBI und Hillary ist, wenn Melania seine Hand wegschlägt und eigentlich immer.