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Aufregen? Nö.

22. Januar 2017

Während die bessere Hälfte mit Kind 1 spielt und Kind 2 schläft, überlege ich mir, ob irgendwas war. War irgendwas? Ach ja: alle sind aufgeregt. Wegen Trump. Ach so. Warum eigentlich? Trump ist der neunte US-Präsident in meinem Leben. Die ersten vier US-Präsidenten meines Lebens, also Nixon, Ford, Carter und Reagan waren offiziell Feinde. Denn sie waren Imperialisten. Wurde mir eingebläut. Zwei davon habe ich gar nicht bemerkt, ich war noch zu klein. Carter trat dann schon ein bisschen aus meinem DDR-Kindernebel raus, und Reagan verdunkelte alles. Er war der Hauptfeind. Das war klar. Das las ich täglich in der DDR-Zeitung. Und das hörte ich in der Schule. Trotzdem fand das Volk Ende der 80er die Welt dieses Hauptfeindes interessanter als den eigenen grauen Graupensuppenalltag des real existierenden Sozialismus. Der Rest ist bekannt. Wenn nicht – einfach mal googlen. Nun also Trump. Soll ich auch aufgeregt sein? Soll ich meine nach Ende des kalten Krieges gekauften 80er Jahre Best-of-CDs aus dem Schrank holen, um zu hören, wie der kalte Krieg klang, damit ich vorbereitet bin auf das was kommt? „America first“ hat er gesagt. Und alle sind aufgeregt. Als ob der Slogan und seine Konsequenzen was Neues wären. Ich glaube eher, dass wir endlich wieder eine klare Produktbeschreibung haben. Endlich steht wieder drauf, was drin ist. Obama war vordergründig der Nette. Hintenrum hat der feine Herr Friedensnobelpreisträger aber Drohnencounterstrike gespielt, seine Verbündeten belauscht und mal eben außeramerikanische Firmenübernahmen verbieten lassen. Aber das war in Ordnung, denn vordergründig hat er das so schön weggelächelt. Außerdem war er durchtrainiert und hatte eine nette Familie. Nun ist jemand an der Macht bzw. am Drücker, der offen sagt, was von der Nation, die er nun regiert, schon  immer schon gemacht wurde. Vielleicht knallt demnächst wieder mal ein demokratisch gewählter lateinamerikanischer Staatschef aus unerklärlichen Gründen mit dem Flugzeug gegen einen Berg. Vielleicht wird wieder einer weggeputscht abgewählt. Vielleicht gibt’s bald irgendwo wieder einen Einmarsch Demokratie-Export. Vielleicht werden bald Strafzölle erhoben. Alles schon mal da gewesen – bis auf die Tatsache, dass das neue iPhone sehr viel teurer werden dürfte. Entweder wegen der Strafzölle oder aber, weil es in den USA zusammengeklebt wird und Apple niemalsnicht auf die Gewinnspanne von 890 Prozent pro Gerät verzichten will. Wenn ich Apple-Aktien hätte, würde ich sie jetzt eventuell verkaufen. Neu ist, dass der US-Präsident für mich wieder offiziell ein Feind sein darf. Ein ausgemachtes Schlitzohr dazu. Ein Haudegen, der die ganz normalen dickklötigen Weiberanpreisungen eines bierzischenden  Bauarbeiters raushaut. Trump ist schließlich Bauunternehmer. Was erwarten die Leute? Man sagt, er hätte noch nie ein Buch gelesen. Ich kenne viele andere Leute, auf die das ebenfalls zutrifft. Nicht alle sind Idioten. Was kann man machen gegen Trump? Laute zornige Musik hören. Hat man keine zornige Musik da, einfach mal zwei drei Monate warten. Die Reaktionen auf Trump werden viele neue zornige Musikstücke sein. Auch mein Beruf dürfte nun wieder etwas aufregender werden. Endlich ist wieder ein einfach zu rezipierendes Feindbild zur Hand. Gut, ein leicht reizbarer Narziss hat seinen Twitterfinger am Knopf für die Atombombe – aber sterben müssen wir alle. Hab ich im Internet gelesen. Und wenn es im Intenet steht, stimmts. Da bin ich Fatalist. Ob mich ein Gehirnschlag umbringt oder ein Erstschlag, ist mir gleich. Fußpilz oder Atompilz - wenn ich tot bin, juckt mich das nicht mehr. Ich selber habe das nicht in der Hand. Und sollte Trump mit den Worten „Amerika First“ gegen irgendjemanden seine Raketen in den Himmel schicken, dann heißt es kurz darauf, wenn dieser jemand seine Raketen in Richtung USA abgeschossen hat, „Amerika second“. Dann war‘s das mit der Menschheit. Wer freut sich darüber? Der Regenwald. Wir sollten uns nicht verrückt machen. Und nicht verrückt machen lassen. Nicht von der Panikmache angesichts eines 70jährigen Rotzlöffels, der nun US-Präsident ist. Wir sollten einfach mal abwarten. Zum verrückt machen lassen und zum Aufregen wird es vielleicht schon bald viele konkrete Gründe geben. Gut an der ganzen Sache ist, dass man wieder vor etwas konkretem, dem US-Präsidenten nämlich, Angst haben kann. Wenn man will. Das ist gut, denn dann merken vielleicht einige Grundwütige, welche schönen Seiten ihr vermeintlich schlimmes Leben doch hat. Zum Beispiel die neue Umgehungstraße, auf der man jetzt schneller raus ins Gewerbegebiet kommt. Zu Kaufland. Wenn wir alle durchhalten, dann ist der Spuk in acht Jahren auch schon wieder vorbei. Das ist schneller, als meine neu gekauften wiederaufladbaren Batterien - in zehn Jahren nämlich - nur noch 70% Ladekapazität haben. Was für ein Trost.

Dieser Blogeintrag wurde geschrieben zur Musik von „Glitter and doom“ von Tom  Waits.