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Flotter Otto

21. Dezember 2017

Flotter Otto ist auch so ein Begriff aus Kindertagen. Flotter Otto ist nicht die berühmte Schmalspurbahn auf der Insel Rügen und auch kein superschneller Fußballnationalspieler aus den 70er Jahren. Flotter Otto ist genau der richtige Kosename für Durchfall. Für das Zeug also, das mit zweifacher Schallgeschwindigkeit aus dir rausschießt, wenn du was Falsches gegessen hast. Oder gestern zu viel Bier hattest. Oder Kinder heranziehst, damit die Gesellschaft auch zukünftig über Bauarbeiter, Beamte, Blogger, Billigfliegerpiloten oder Poetry Slammer verfügt. Je nachdem, was gerade gebraucht wird. Und wenn in der Kita der Zettel hängt, der fröhlich verkündet, dass gerade „Magen Darm“ umgeht, kannst du davon ausgehen, dass der feine Herr Magendarm irgendwann auch bei dir klingelt. In diesem Fall ist es dann egal, ob du ihm die Tür aufmachst. Er kommt notfalls durchs Schlüsselloch. Und dann pfeift er kurz „Hallo“, was genau so klingt wie das Sturzflugpfeifen eines Stuka-Bombers. Schon wirft der flotte Otto seine Bombe und ist wieder verschwunden. Und all deine Körperflüssigkeit und all die Elektrolyte mit ihm. Jetzt liegst du da, weidwund, schwach, und betrachtest aus weit geöffneten Pupillen deinen kleinen Teil des Universums. Die kanadische Sängerin Alanis Morissette hatte mal einen halben Hit namens ‚Thank U‘, in dem von transparenten Karotten die Rede war und von zerbrechlicher Göttlichkeit und von Vergebung und von Indien. Ich habe das erwähnte Lied lange Zeit für absoluten Quatsch gehalten. Für die überbewerteten Zeilen einer viel zu jung viel zu berühmt gewordenen Singer-Songwriterin, die der Ruhm verrückt gemacht hat. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Denn jetzt, viele Jahre später, ist mir klar: die Frau hatte einfach Durchfall und lag mit den Spätfolgen im Bett. In ihrem Fall wars sogar Diarhöööö. Auch so ein absolut passendes Wort mit richtiger letzter Silbe für das Phänomen Flotter Otto Denn wenn dieser bei dir ein- und ausgebrochen ist und alle Vorräte an Körperflüssigkeit mitgehen ließ, du dich also vollkommen entwässert auf der Matratze krümmst und nichts mehr kannst außer die Decke anzustarren, verstehst du nämlich plötzlich alles. Denn die Muster, die du auf der weiß verspachtelten Zimmerdecke siehst, erklären dir die Welt. Wie die Kernspaltung geht, warum es die FPD gibt, was veganer Braten ist und warum sich Leute gegenseitig zu Heiligabend Weihnachts-CDs schenken, obwohl man sie ab Heiligabend nur noch zwei Tage lang hören kann. Du siehst die Zusammenhänge hinter allem. Und was am Interessanten ist: sie sind dir vollkommen egal. Wie das nun mal so ist, wenn sich das Bewusstsein erweitert. Obwohl du oben permanent nachgießt, hast du kein Wasser mehr im Körper. Du verspürst Erleuchtung durch Vertrocknen. Und fragst dich eines: Warum pfeifen sich Leute teure Drogen rein, um das gleiche zu fühlen wie du? So einen Wahnsinnstrip, der bis zu zwei Tage anhält, kann man sich doch auch ohne Opium oder LSD verschaffen. Einfach mehrmals im November durch eine Kita laufen. Wenn man Kinder hat und da rein darf. Wenn man keine Kinder hat, kann man ersatzweise zwei Stunden lang im Berliner S-Bahnhof Westkreuz genussvoll das Rolltreppengeländer ablecken. Oder zum achten Mal in Folge Entenkeule mit Rotkohl und Klößen essen und abends trotz sehr gut hörbarer Bauchpolonaise in der Dickdarmgegend noch ein schönes kaltes Bier zischen. All das kann zur inneren Einkehr nach sitzendem Sturzfasten führen. Was sich nun in meinem Fall in den letzten Stunden vorm ganz privaten Burnout ereignet hat, überlasse ich jetzt mal der Fantasie der Leserschaft. Bevor sich jemand allzu große Sorgen macht, schließe ich diesen Eintrag mit den goldenen Worten von Reinhold Messner: „Ich bin übern Berg!“ und wünsche geruhsame, ruhige und ausgeglichene Festtage. Und achtet darauf, dass ihr euch auch über die Feiertage ausgewogen ernährt. Sonst brennt irgendwann die fünfte Kerze. Aber ganz woanders.